Der Abschluss oder Ich über mich

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„Der Abschluss“ oder „Ich über mich“ 

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Sich selbst in einem Brief zu beschreiben, das habe ich nun seit meinen High-School-Jahren nicht mehr machen müssen. Nun, viele Jahre später, sitze ich mit Stift und Block hier in meinem kleinen Dachgarten und muss als Abschluss meines Sitzungszyklus beim Psychiater ein Schreiben über mich selbst verfassen, damit ich als rehabilitiert gelten und wieder in den Dienst eintreten kann.

Mein Name ist Maureen Collins, Detective Maureen Collins, jedoch nennt man mich lediglich Mo – ein typisch maskuliner Spitzname, der zu meinem Arbeitsplatz passt – die Mordermittlung des 21. Reviers in New York, genauer gesagt in Manhattan. Ich wurde 1982 geboren und meine Mutter war ein großer Maureen O’Hara Fan, sofern sie einmal nüchtern war, daher gab sie mir diesen Vornamen. Viel Freude hatte ich an diesem nie. Alle meine Freunde hießen Jennifer, Madison oder hatten einen anderen neumodischen Namen. Damals schwor ich mir, ich würde es einmal besser machen. Ob ich meiner Tochter mit ihrem Namen tatsächlich glücklich ist, weiß ich nicht, aber zu Lilly komme ich später.

Oft werde ich, vielleicht durch mein teilweise durchaus maskulines Auftreten, auf meinen Vater angesprochen – tja, den gibt es nicht. Meine Mutter meinte immer, dass ich ihm ähnlich sehen würde, dann griff sie zum Glas und betrank sich.

Mit vier Jahren hatte sie mir bereits erklärt, dass sie mich eigentlich nicht hätte wollen, nur wenn man aus einer irisch-kroatischen und vor allem katholischen Familie stammte, in der die Kirche die zweite Heimat darstellte, wäre eine Abtreibung quasi undenkbar– selbst nach einer Vergewaltigung. Ich hatte damals natürlich nicht die geringste Ahnung, was sie mir mit all diesen Sachen, die für mich keinerlei Bedeutung hatten, sagen wollte. Doch über die Jahre wiederholte sie dies immer und immer wieder, bis ich es schließlich verstanden hatte.

Ja, so war sie zu mir gekommen, im Alter von 17 Jahren. Ihre Mutter gab ihr die Schuld an der Vergewaltigung, ein gutes katholisches Mädchen ging nachts nicht aus, um zu tanzen – aber viel schwerwiegender war, dass sie ihr die Schuld daran gab, Schande über die Familie gebracht zu haben – ein uneheliches Kind! Hinter meiner Mutter, die von mir stets nur mit ihrem Vornamen angesprochen werden wollte – Caitlin – stand Großmutter aber nicht. Man ließ sie alleine mit ihrer Schwangerschaft und mir, vollkommen alleine. Ich glaube, ich habe diese Frau, meine Großmutter, selbst nur dreimal in meinem Leben gesehen, sie nie wirklich kennengelernt. Oft frage ich mich heute, was für ein Mensch sie wohl gewesen sein mag.

So kam es, dass ich bereits als junges Mädchen die Straßen von New York erkundete und einen eigenen Sinn für Gerechtigkeit entwickelte – zuhause wartete nur eine stets betrunkene Mutter auf mich, die froh war, wenn ich ihr nicht unter die Augen kam.

Außerdem besuchte ich eine gute private High-School, dafür sorgte mein Großvater. Auch wenn wir uns nie zu Gesicht bekamen, so kam er für unser Apartment in der Nähe des Central Parks und mein Schulgeld auf, als wäre er Caitlin und mir dies schuldig. Dort war ich in der Theatergruppe aktiv, lernte Klavier zu spielen und eignete mit Fremdsprachen an – ich belegte alle Gott erdenklichen Kurse, um möglichst wenig Zeit zuhause verbringen zu müssen. Danach hatte ich die Möglichkeit auf die NYU zu gehen und studierte Criminal Justice, da ich seit meinem 17. Lebensjahr wusste, dass ich in den Polizeidienst eintreten wollte und musste.

Was damals passiert war?

Ich kam eines Abends von der Bibliothek nachhause und die Polizei hatte bereits die Wohnung mit gelbem Tatortband abgesperrt. Meine Mutter hatte sich in der Badewanne das Leben genommen, die Pulsadern aufgeschnitten und den Wasserhahn nicht zugedreht. Als der Nachbar unter uns merkte, dass Wasser von der Decke tropfte, betrat er das – wie so oft – nicht abgesperrte Apartment und fand Caitlin mit aufgeschnittenen Adern im rot verfärbten Wasser liegend vor.

Als ich schließlich ihren Nachlass aufarbeitete, bevor ich in mein eigenes Loft zog, weit weg von Tod und all den Erinnerungen, fand ich Kopien der Fallakte ihrer Vergewaltigung. Und Fotos. Bis heute weiß ich nicht, wie sie zu diesen Unterlagen gekommen war, sollte doch ein Opfer solche Details über seinen eigenen Fall eigentlich nicht kennen. Als ich nun diese Akte das erste Mal las, erkannte ich, dass ich genau solchen Frauen helfen wollte. Frauen, die kein Gehör fanden, die man mit ihrem Schmerz alleine ließ. Frauen, denen man nicht glaubte – und wenn man die Notizen studierte, hatte man meiner Mutter damals keinen Glauben geschenkt. Daran war sie im Endeffekt zerbrochen.

So studierte ich in Mindestzeit, graduierte von der Polizeiakademie und arbeitete die ersten Jahre als Streifenpolizistin, immer darauf bedacht, so rasch wie möglich einen Posten bei der SVU, der Abteilung für Sexualverbrechen, zu ergattern. Nur wenn man jung ist, braucht man erst Erfahrung, muss einige Jahre Straßendienst leisten, bevor sich solche Chancen offenbaren. Mit 26 ergab es sich schließlich, dass ein passender Posten frei wurde. Gott, damals glaubte ich noch, die Welt verändern zu können.

Heute bin ich nun seit mehr als drei Jahren bei der Mordermittlung. Nachdem ich vor beinahe vier Jahren meine Tochter Lilly auf die Welt gebracht habe, konnte ich Sexualtätern, die sich an Kindern vergangen haben, nicht mehr emotionsbefreit gegenübertreten und als meine Karriere schließlich darunter zu leiden begann – ich hatte einem pädophilen Sadisten mit der Waffe auf die Schläfe geschlagen, sodass er ohnmächtig geworden war – und ein Disziplinarverfahren kurz bevorstand, erkannte ich, dass diese Abteilung mir mehr schadete als sie mir und meiner Vergangenheit nutzte. Ich hatte das Glück, dass ein lieber Kollege aus der Mordermittlung in Pension ging und bewarb mich um seinen Posten. Kurz danach wechselte ich Abteilung und das Stockwerk. Nun habe ich mein eigenes Team: Jenna (unseren Geek), Tomi (der sportliche Macho mit den langen zusammengebundenen Haaren) und Bobo (der Verhörprofi mit den äthiopischen Wurzeln).

Neben all den grausamen Verbrechen, die mein Leben dominieren, gibt es auch einen kleinen Engel, der mich zum Lachen bringt, mir schlaflose Nächte bereitet und mit ihrer Art und Weise es schafft, für kurze Zeit zumindest jegliche Trauer und Wut von meiner Seele zu nehmen.

Lilly ist mein kleiner Engel. Untertags und manchmal auch nachts habe ich sie bei einer lieben Tagesmutter, die mittlerweile zu einer Freundin geworden ist, untergebracht. Johannas Sohn ist etwa in Lillys Alter und sie kümmert sich rührend um meine Tochter. Auch Lilly hat, so wie ich, keinen Vater. Chris war ein Mann für eine Nacht, ein verheirateter One-Night-Stand. Ein Kollege. Als ich ihm später sagte, dass ich schwanger wäre, beschimpfte er mich und ging auf mich los, bot mir Geld für eine Abtreibung an. Heute hat sich die Lage entspannt, nachdem wir eine Übereinkunft getroffen haben – er zahlt brav monatlich seine Alimente und gaukelt seiner Frau den treuherzigen und liebenden Ehegatten vor, und ich schweige.

Dr. Olivettino meinte, ich solle auch Eigenschaften anführen, die mich auszeichnen. Ein schwieriges Verfangen. Ich wurde im Sternzeichen des Stiers geboren und bin wahrhaftig eigenwillig und stur. Allerdings bin ich auch ein sozialer Mensch; Freunde, Bekannte und Kollegen kommen zu mir, um mir von ihren Problemen zu berichten und erwarten sich Rat – ob ich das Gespräch nun möchte oder nicht. Ich bin sicherlich nicht einfach, da ich oft misstrauisch bin, allerdings auch zuverlässig. Wenn ich etwas begonnen habe, bringe ich es zu Ende. Wahrscheinlich zeichnet mich da auch als Detective aus. Wegen meiner weiblichen Optik werde ich leider oft als naives Weibchen verkannt und dies kann dazu führen, dass ich auch einmal ein aggressives Verhalten an Tag legen muss. Ob es nun meine schmale Taille oder meine kräftige Oberweite ist, die Männer anzieht und im Glauben lässt, sie bräuchten mit mir nur in Hauptsätzen zu sprechen, denn mehr würde ich nicht verstehen –das versetzt mich immer wieder in Rage. Aber vielleicht tut genau dies ein DD-Körbchen einem Mann an? Zugegeben, manchmal sind sie auch gut einsetzbar, bei einem Verhör zum Beispiel.

Doch der typisch weibliche Typ war ich nie, abgesehen von meiner Oberweite – eher immer der Wildfang. Der Tomboy. Jeans, Converse und ein einfaches T-Shirt, die Haare kurz. Heute fällt braune Mähne mit der leichten Naturwelle bis auf meine Schultern herab, sofern sie einmal offen sind. Meine Augen funkeln in einem grünbraun und seit gut einem Jahr trage ich Kontaktlinsen. Gut war und ist, dass ich sehr sportlich bin, vor allem nach Lillys Geburt – zweimal pro Woche Kickboxen, einmal Karate und ich versuche regelmäßig mit Lilly laufen zu gehen. Dank der neumodischen Laufkinderwägen war sogar dies als alleinerziehende Mutter möglich.

Als Leser fragt man sich nun wahrscheinlich, wieso muss sie diese Therapie überhaupt machen? Vielleicht hätte ich es gleich am Anfang erwähnen sollen; aber es ist nun einmal NYPD Protokoll nachdem man angeschossen worden ist – besser gesagt, in meinem Fall sogar von zwei Kugeln getroffen wurde. Ein Geschoß ging nur knapp an der Leber vorbei, das zweite hingegen streifte die Lunge. Zwei neue Narben. Zwei Wochen Spitalsaufenthalt, sechs Wochen Rehabilitation. Und wieso all das? Weil ich dem drogensüchtigen Ex-Mann eines Opfers nachgelaufen bin, der seine Waffe auf mich richtete und abdrückte.

Nachdem ich nun gestern meine physische Evaluierung und das Schießen absolviert habe, genügend Kugeln den innersten Kreis durchlöchert haben, brauche ich nun nur noch die Freigabe des Psychiaters und hoffe, sie auf diesem Weg zu erlangen.

Detective Mo Collins

Jänner 2014

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A/N: Das ist mein Beitrag zu dem Wettbewerb „Mein Charakter“  – mein erster Versuch einen sinnvollen eigenständigen Charakter zu entwickeln, mit allen Stärken und Schwächen, die ein Mensch so haben kann … Für mich, die sonst nur Fanfiction schreibt, ist das eine wahre Herausforderung. Klar war von Anfang an, dass es eine Frau sein muss, eine starke Frau mit Schwächen, Problemen und ein paar Geheimnissen. 

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
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