Die Rache einer Freundin

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Die Rache einer Freundin

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Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten und doch eine gemeinsame Vergangenheit teilten, saßen an einem kühlen Spätfrühlingsabend an einem Tisch – Theodoras Küchentisch.


Teddy war, wie die beiden anderen auch, 33 Jahre alt und vor vielen Jahren hatten sie sich in einem Kinderheim kennengelernt, nur waren sie damals keine Kinder mehr gewesen, nein, sie waren 14.

Heute hatte Theodora drei Kinder von drei unterschiedlichen Männern – Joe 5, Oliver 7 und Jimmy 9. Drei Jungen, die auch unterschiedlicher nicht sein konnten und doch waren sie unzertrennbar. Sie selbst war Versicherungsmaklerin und gut dabei, Leuten etwas einzureden, das sie eigentlich nicht benötigten.

Neben ihr saß Julianne,oder auch Julie genannt, eine junge Frau, die optisch nicht in diese Zeit gehörte – sie trug Hippie-Kleidung, ihr Haar war in Dreadlocks gedreht und man fand diverse kleine silberne Anhänge in diesen. Julianne hatte keinerlei Familie, jedoch arbeitete sie mit Kindern und liebte ihren Job – sie war Kindergärtnerin. Offenbar schien sie immer gut gelaunt, doch die beiden anderen wussten, dass es nur eine Art Fassade war, die sie seit vielen Jahren aufrechterhielt.

Und dann gab es auch noch Camille, die dritte im Bunde und quasi die Anführerin. Sie war heute eine erfolgreiche und seriöse Rechtsanwältin  oder zumindest gab sie dies vor. In Wahrheit war sie die Meisterin im Spinnen von Intrigen.

Schon in ihrer Jugend, als Camille noch bei Pflegefamilien gelebt hatte, hatte sie stets die anderen Kinder dazu gebracht, Sachen für sie zu erledigen – kriminelle Tätigkeiten durchzuführen. Aus diesem Grund wollte auch keine Pflegefamilie sie mehr aufnehmen und so landete sie mit 14 dann im Kinderheim St. Andrew’s. Denn waren es nicht die anderen Kinder, so wickelt sie die Pflegeväter ein. Und als sie in St. Andrew’s angekommen war, spielte sie auch dort die Leute gegeneinander aus – nur hatte sie sich zwei Verbündete gesucht: Julianne und Theodora. Teddy, weil sie eigenwillig, willensstark und stur war, sie setzte stets ihren Kopf durch, stand aber auch immer hinter ihren Freunden, zumindest glaubten das alle. Julie hingegen war Theodoras Anhängsel, wich ihr selten von der Seite, war vertrauenswürdig und naiv.

Teddys drei Kinder waren von drei einflussreichen Männern, drei, die hohe Alimente bezahlten und ihre Söhne ungeachtet dessen nicht sahen-  drei verheiratete Männer, die der Oberschicht angehörten und ihre Frauen niemals verlassen würden. So konnte sie sich auch dieses nette Haus in Queens leisten, das genügend Platz für alle bot.

Und nun saßen sie alle an Theodoras Küchentisch, aßen Pasta und warteten darauf, dass die Kinder vom Fernseher ins Bett wandern würden.

-.-.-.-.-

Als sie auf der Couch schließlich bei einem Glas Rotwein angekommen waren, sagte Camille plötzlich: „Habt ihr schon gehört, dass der Fall von Martin Rilliot wieder aufgenommen wird? Mord verjährt ja nicht.“

Teddy und Julie erstarrten. Martin Rilliot war der Leiter des letzten Kinderheims gewesen, der Leiter, den man eines Morgens mit einem Loch im Kopf in seinem Büro vorgefunden hatte.

„Woher hast du die Info?“, fragte Theodora neugierig.

„Ich war mit dem Staatsanwalt aus und er hat mir davon erzählt, mich gefragt, ob ich ihn gekannt hätte.“

„Er weiß, dass du in St. Andrew’s warst?“

Julianne saß vollkommen blass und starr auf der Couch, blickte ins Nichts.

„Wieso gerade jetzt?“

„Oh Teddy, woher soll ich das denn wissen? Immerhin sind es schon mehr als 15 Jahre, die seither vergangen sind“, log sie.

Camille wusste genau, dass der Fall niemals mehr aus der Cold-Case-Schachtel genommen werden würde, dafür fehlten die Spuren und Hinweise. Niemals. Doch Julianne etwas Schaden zuzufügen, tat ihr gut, nachdem sie das letzte Mal vollkommen eingeraucht in ihrer Kanzlei erschienen war, ihren Vorgesetzten auf das Ordinärste angemacht hatte und all das nur, weil sie wollte, dass Camille gegen ein Strafmandat vorgehe. Ein Verkehrsdelikt! Doch sie war im Familien- und nicht Verkehrsrecht tätig. Und auch wenn das sehr typisch für Julianne war, sich so zu verhalten, reichte es ihr. Und nun war es ihre Chance, Julianne etwas Angst einzujagen.

Viel war damals passiert, sehr viel und Mr. Martin war danach niemandem abgegangen. Nicht seine Berührungen, die vollkommen unsittlich gewesen waren. Die nächtlichen Zimmerkontrollen oder die Spezialaufgaben, die es zu erledigen galt, sobald man etwas angestellt hatte oder wenn es Mr. Martin danach gelüstete. Manche Mädchen hatten sogar das Bett mit ihm teilen müssen.

Julianne war die Angst nun ins Gesicht geschrieben und nervös stand sie auf, ging im Zimmer auf und ab.

„Hat man denn damals …?“ Sie verstummte mitten im Satz und sah sich um. „Hat man die Leiche denn damals schon auf DNA und Fingerabdrücke untersucht?“

„Sicher“, antwortet Camille. „Man hat alles katalogisiert.“

„Man hat damals auch welche gefunden“, erklärte Theodora. „Und diese sind heute sicherlich auch in einer Datenbank gelandet.“ Camille trank entspannt von ihrem Wein. Lächelte.

„Damals hat man allerdings die Abdrücke noch nicht der Datenbank zugeführt und nun beginnt man damit, die Datenbank mit kalten Fällen zu füllen und hofft auf neue Erkenntnisse, hat mir Staatsanwalt Grober erzählt“; erklärte die Rechtsanwältin.

Teddy ließ all das nicht unbeeindruckt. Sie war sich sicher, dass man weder ihre DNA, noch ihre Fingerabdrücke auf der Leiche gefunden hatte – dafür war sie immer schon viel zu clever gewesen. Schon als 12-Jährige hat sie gewusst, wie man Spuren gut verschleiert, immerhin war ihr Stiefvater, nach dem Tod ihrer Mutter, nicht zufällig mit einer Zigarette in der Hand auf der Couch ihres Wohnmobils eingeschlafen.

„Ich muss gehen“, kündigte Julianne plötzlich an. „Ich muss nachdenken.“

Camille hatte mit ihre Offenbarung eine alte Wunde aufgerissen und zugleich nun ein Gerücht in die Welt gesetzt, bei dem sich, nachdem Julianne das Haus verlassen hatte, Teddy bereits sicher war, dass es sich um eine Erfindung Camilles handelte.

„Wieso machst du das?“, fragte Theodora forsch und fuhr sich durch ihr kurzes blondes Haar. „Du weißt doch, wie sie das damals schon mitgenommen hat.“

„Weil es ihr gebührt! Julies letzter Besuch in meiner Kanzlei ging einfach zu weit, er hat Rache verdient! Mein Chef, Mr. Pondson, hat eine ganze Woche nur davon geredet, welche Leute ich kennen würde, die ihm einfach ihre Brüste präsentieren würden. Teddy, ihren nackten Busen! Und sie konnte sich an nichts erinnern, weil sie vollkommen zugedröhnt war!“

„Ach Camille, deinen hat Steven … Mr. Pondson … auch schon gesehen“, konterte Theodora.

„Das war etwas anderes …“

In Wahrheit hatte sie durch ihren Körpereinsatz bereits nach einem Jahr in der Kanzlei es geschafft, Partner zu werden, zwar kein namentlich genannter, aber mit partnerschaftlichen Rechten. Natürlich war dies zum Missfallen vieler Kollegen passiert, die schon viel länger für Pondson arbeiteten.

„Aber erinnere dich an das letzte Mal, als du ihr von einem Zeitungsbericht erzählt hast. Vor 10 Jahren. Der auf Mr. Martin und das Verbrechen eingegangen wäre. Damals hast du das Spiel schon mit ihr gespielt.“ Theodora setzte sich, nachdem sie rasch nach ihren Söhnen gesehen hatte, wieder auf die Couch und schenkte sich Wein nach. „Sie ist zwei Wochen nicht aus ihrem Zimmer gekommen und in Folge hat sie ihr Studium abgebrochen!“

„Und jedes Mal fällt sie wieder darauf rein. Jedes Mal glaubt sie es wieder!“, stellte Camille amüsiert fest, lachte laut.

Beide Frauen tranken ihren Wein genüsslich. „Wir beide wissen, dass selbst, wenn der Fall irgendwann wieder ausgegraben werden sollte, man deine DNA, Teddy, und deine Abdrücke nicht finden würde. Dafür warst du einfach immer schon zu gut.“

„Mr. Martin war ein Schwein“, stellte die Blondine fest. „Er hat nichts anderes verdient! Er ist an dem Abend einfach zu weit gegangen. Ich werde das Bild nie und nimmer vergessen – seine linke Hand auf Juliannes Kopf, um sie am Boden zu halten, in der rechten seinen Schwanz, den er bereit hielt, damit sie ihn oral befriedigt. Mir kommt immer noch das Würgen.“ Sie atmete tief durch. „Julie war so unschuldig. Hat es ihm denn nicht gereicht, dass er mit uns machte, was er wollte?“

Es gab Nächte für Theodora, in denen sie immer noch seinen leblosen Körper vor sich liegen sah, und dann sah sie sich, wie sie mit dem Sessel, der neben ihm lag, ordentlich auf seinen Kopf einschlug. Die Polizei hatte keinen Täter gefunden und nach wenigen Wochen der Ermittlung den Fall zu den Akten gelegt, da es niemanden gab, der sich verdächtig verhielt. Man hatte sogar überlegt, ob sich das Opfer seinen Kopf vielleicht selbst an einer Schreibtischkante aufgeschlagen haben möge – bevor der Autopsie-Bericht erstellt wurde.

Irgendwann war Mr. Martins auch dort mit dem Kopf aufgeschlagen. Irgendwann. Und dann war der Sessel dazugekommen. Diesen hatten Theodora und Camille zersägt und verbrannt, alle Spuren waren vernichtet worden. Niemandem war es aufgefallen.

An die Tischkante war er geprallt, als Julianne ihn von sich gestoßen hatte, danach war er stumm zu Boden gesunken und sie, blass und außer sich, hatte ihn wieder angezogen und war geflüchtet, vollkommen aufgelöst– zu Camille und Theodora. Die beiden hatten sich um den Rest gekümmert. Niemals hatte man über diesen Vorfall jemals wieder gesprochen und Julianne im Glauben gelassen, dass ihr Stoß ihn umgebracht hatte.

Niemals hatte jemand auch nur die Notwendigkeit gesehen, Julie aufzuklären, zudem gehörte sie zu den Menschen, die sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden gaben. Hätte man sie zu dem Fall befragt, hätte sie den Mord gestanden, ohne auch nur den Versuch zu wagen zu  lügen. Julie war ein von Grund auf ehrlicher Mensch, eine gut Charaktereigenschaft und zugleich, glaubte man ihren Freundinnen, ihre schlechteste.

-.-.-.-.-

In den kommenden Wochen trieb Camille das Spiel in unvorstellbare Höhen. Immer wieder rief sie Julianne an, erzählte ihr vom fiktiven Ermittlungsstand.

„Wie kann es sein, dass sie nach all den Jahren, all diese Spuren finden?“, fragte die Kindergärtnerin verzweifelt. Verängstigt. Sie verstand nicht, wieso man gerade diesen Fall abermals aufrollte.

Doch manchmal geschah einfach das Unmögliche. In der Realität kam dies vielleicht nicht ganz so häufig vor, doch Camille war gut darin, das Unmögliche möglichst realistisch erscheinen zu lassen, immerhin wurde sie von ihren Mandanten genau für diese Gabe bezahlt.

Theodora wusste von den Intrigen, die Camille nur allzu gerne spann, sehr gut Bescheid, nichtsdestotrotz fühlte sie sich nicht in der Lage einzugreifen. Wäre Julianne ein Mann gewesen, vielleicht – mit Männern war es ihr immer leichter gefallen. Deswegen kümmerte sie sich um ihre drei Söhne und tat so, als wäre nichts gewesen. Als wäre all das nur ein dummer Witz.

An manchen lauen Sommernächten, wenn sie mit ihrem mexikanischen Bier auf der Terrasse ihres Hauses saß, dachte Theodora schon daran, dass es dieses Mal zu weit ging, es Camille zu weit trieb. Dann sah sie aber in Richtung der Kinderzimmer ihrer Söhne und erkannte, dass die Wahrheit für sie ein Risiko bedeuten könnte, ein Risiko, dass sie nicht gewillt war einzugehen. Sie würde ihr Leben nicht gefährden, nicht ihre Familie, dafür war sie einfach zu kostbar, dafür hatte sie zu lange ohne eine gelebt.

-.-.-.-.-

Doch nachdem Julianne sich seit drei Wochen bei ihrem wöchentlichen Treffen nicht hatte sehen lassen, fuhr Teddy schließlich eines Vormittags, zwischen zwei Terminen, bei dem Kindergarten vorbei, in dem Julianne arbeitete. Sie traf auf die Chefin, Carolin – ein ebenso außergewöhnlicher Mensch wie Julie selbst, wenn man ihr Auftreten betrachtete.

„Theodora“, begrüßte sie sie freundlich. „Sind sie gekommen, um Juliannes Sachen abzuholen?“

Verblüfft und nicht ahnend, was geschehen war, nickte sie zustimmend und nahm den Karton entgegen, den ihr Carolin reichte.

„Ich hoffe, ich habe alles gefunden. Ihre plötzliche Kündigung hat uns alle etwas unerwartet getroffen.“

„Uns auch“, steuerte die Versicherungsmaklerin zu. „Uns auch.“

„Richte ihr alles Gute für die Zukunft aus und dass wir alle hoffen, dass es der richtige Schritt für sie ist. Für uns ist es ein großer Verlust.“

Teddy täuschte eine gewisse Fröhlichkeit vor, als hätte sie Ahnung von dem Geschehenen. Sie stellte die Kiste auf den Rücksitz ihres Cabriolets. Was war passiert? Sie wählte Juliannes Nummer, aber bekam immer nur die Meldung, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei. Der Status änderte sich auch nicht, als sie quer durch die Stadt zu ihrem nächsten Termin fuhr und es alle fünf Minuten wieder probierte. Aber außergewöhnlich war dieses Verhalten keinesfalls, denn es gab immer wieder Momente, in denen Julianne  ihr Mobiltelefon ausschaltete und einen Festnetzanschluss besaß sie schon seit Jahren nicht mehr.

-.-.-.-.-

In den nächsten Tagen versuchte Theodora immer wieder ihre Freundin telefonisch zu erreichen, jedoch ohne jeglichen Erfolg.

„Du musst ihr die Wahrheit sagen“, erklärte sie Camille, als sie gemeinsam auf er Terrasse ihres netten Vorstadthauses saßen. „Sie hat lange genug gelitten, ihren Job gekündigt.“

„Ich finde, dass wir sie noch etwas zappeln lassen können …“

„Du …“

„Wir, Theodora. Wir. Immerhin warst du es, die damals …“

„Nicht hier, wir reden nicht in diesem Haus darüber, kein Wort mehr. Die Kinder sind noch nicht eingeschlafen.“ Sie nahm einen Schluck ihres Weißweins, ein herrlich frischer Chardonnay.

„Sie hat ihren Job gekündigt, Camille!“, erklärte sie noch einmal, um den Sachverhalt zu unterstreichen.

„Wahrscheinlich hat sie sich zuhause eingeraucht, tanzt nackt im Garten die Mondgöttin an und malt sich Henna-Tattoos auf die Beine.“

Camilles Sarkasmus war unüberhörbar. Es war nicht vollkommen unwahr, dass die Möglichkeit bestand, dass Julianne eines dieser Dinger machte, aber gemeinsam waren sie noch nie vorgekommen. Nie. Noch nie gebündelt.

„Ich werde morgen bei ihr vorbeischauen und mit ihr reden“, stellte Teddy schließlich fest. „Am Vormittag habe ich keinerlei Termine.“

„Wenn du der Ansicht bist …“, fügte Camille mit einem Stöhnen hinzu, das ihren Widerwillen deutlich machte.

-.-.-.-.-

Es war kurz nach 9 Uhr, als sie ihre Jungs in der Schule abgeliefert hatte. Am Weg zu Julianne erledigte sie telefonisch noch einige geschäftliche Angelegenheiten und parkte ihr importiertes deutsches Cabriolet schließlich vor Juliannes Haus ein. Einem kleinen bunten Haus mit niedrigem weißem Zaun, einigen bunt angemalten Vogelhäuschen im Garten.

Als  Theodora in ihrem perfekten violetten Business-Kostüm und ihren hohen teuren Schuhen den schmalen Gehsteig entlang ging, musste sie genau darauf achten, wohin sie stieg, so uneben war dieser. Doch nahm sie wahr, dass der Briefkasten überfüllt war. Sie entnahm die Post und ging den Kiespfad auf das Haus zu.

Sie klopfte an die hölzerne Eingangstüre. Keine Reaktion.

Sie rief Juliannes Namen. Mehrmals. Nichts.

Schließlich ging sie um das Haus herum über den Garten zur Veranda. Die Vorhänge waren alle zugezogen. Theodora klopfte gegen die Glastüre. Abermals nichts.

Da aber Juliannes Auto neben dem Haus parkte, musste sie einfach zuhause sein, also suchte sie nach dem Reserveschlüssel, den Julie immer irgendwo versteckte. Unter einem Stück Brennholz fand sie ihn schließlich, schloss die Türe auf und ein widerlich süßlicher Gestank trat ihr entgegen, sodass sie beinahe erbrechen musste. Sie riss reflexartig die Fenster auf, doch auch die Frischluft änderte nichts an dem Geruch.

Theodora ging vorbei an einem alten Sofa und den Bücherregalen, die mit esoterischer Fachliteratur gefüllt waren, in die Küche und schließlich kam sie zu Juliannes Meditationsraum, wo sie erschrocken stehen blieb. Erstarrte und im selben Augenblick noch ihr Frühstück erbrach, bis nur noch gelbgrüne Flüssigkeit aus ihrem Mund lief.

Vorsichtig blickte Teddy noch einmal auf und sah Julianne – wie sie erhängt vom Deckenventilator hing. Ihre nackten Füße geschwollen, der entblößte Bauch grün verfärbt, das Gesicht entstellt.

Automatisiert wählte sie die Nummer der Polizei und zwei Uniformierte erschienen zehn Minuten später. Das Meditationszimmer hatte sie nicht betreten, war wie angewurzelt stehengeblieben. Neben ihrem Erbrochenen.

Ein Polizist begleitete sie schließlich in den Garten und ein Detective, eine ihr bisher nicht aufgefallene Frau Ende der 40er – reichte ihr nach einer halben Stunde eine Beweismitteltüte, in der sich ein Brief in Juliannes Handschrift befand.

Liebe Theodora,

wenn mich jemand findet, dann bist du es, denn du hast im Gegensatz zu Camille eine soziale, menschliche Ader. Ein Herz.

Du weißt genau, so gut wie ich, was damals wirklich passiert ist. Manchmal geschieht eben das Unmögliche. Ein wundersames Ereignis nach einem einfachen Stoß. Es war für uns alle in Wahrheit eine große Erleichterung. Doch nun kann ich damit nicht mehr leben.

Der Druck wird einfach zu viel …

-Julianne

Theodora brach zusammen, konnte nun, nachdem sie den Schock überwunden hatte, endlich ihren Tränen freien Lauf lassen. Julianne war wie eine Schwester für sie gewesen.

Eine Schwester.

.-.-.-. Ein Jahr später .-.-.-.

„Jimmy pack den Karton aus und dann ordne die Bücher alphabetisch ins Regal ein“, bat Teddy ihren ältesten Sohn.

Nach Juliannes Tod hatte sie sich endlich emanzipiert, alle Bänder, die sie mit Camille verband, durchschnitten.

Ihr erster Schritt war es gewesen, einem Detective alles von damals zu erzählen, die gesamte Wahrheit. Grober, der Staatsanwalt, wollte dann die komplette Geschichte hören und willig erzählte sie diese, jedes auch noch so kleine Detail – den sexuellen Missbrauch, den sie über sich ergehen haben lassen; die Angst und den Fakt, dass Julianne nicht an Mr. Martins Tod schuld war.

Sie riskierte ihre eigene Familie, um Juliannes Namen reinzuwaschen, auch wenn der Staatsanwalt Zeit brauchte, um die Intrige zu verstehen, die gesponnen worden war. Camilles Gerücht, das viel zu weit gegangen war, das ein Menschenleben gekostet hatte, nur damit sie ihre Rachegelüste ausleben konnte. Um diese zu befriedigen.

Grober hatte ihr schließlich ausrichten lassen, dass er keine Anklage erheben würde, zu Theodoras großer Verwunderung, immerhin hatte sie ihm jedes Detail offenbart. Danach kaufte sie sich einen großen Pickup, verkaufte ihr Haus unter seinem Wert, packte alles zusammen und fuhr, ohne zurückzublicken, in Richtung Westen.

Irgendwann kam sie mit ihren Söhnen in Colorado an. Um das Bargeld des Hausverkaufs erwarb sie ein neues und hatte sogar überlegt ihren Namen zu ändern – alles um Camilles Fängen für immer zu entgehen, denn so sehr konnte man sich in dem Menschen, den man besten Freund nannte, täuschen.

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Ende

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Anmerkung:

Das ist mein Beitrag zu Pookys Wettbewerb „Stück für Stück“ – Runde Nummer 1.  http://forum.fanfiktion.de/t/24281/1

Ich war etwas hin und her gerissen, denn meine Angabe verlangte einen „beinahe katastrophalen Zustand“ und als Textsorte eine Tragödie … ein dezenter Widerspruch in sich, eine Kleinigkeit – daher musste der Text in einer Katastrophe enden, einem Tod. Denn bei einer Tragödie muss ich immer an Hamlets letzte Szene denken und ihre Ausmaß.

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
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