I need a Hero – Kapitel 3 & 4

2013-05-04 08.03.29 - Bearbeitet

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Kapitel 3

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An einem verschneiten Dezembermorgen, zwei Tage nach Weihnachten, fand man die Leiche von Margret O’Malley, einer Polizistin vom 1-4.

Olivia und Elliot hatten sich wortlos größtenteils zu Fuß durch die hohen Schneemassen gequält, um bis zum Tatort vorzugelangen. Autos fuhren kaum noch welche, der Notstand war ausgerufen.

Olivia dunkle Jeans rieben an den frischen Wunden an ihren Oberschenkeln und der Schmerz, der dabei entstand, ließ ihren Körper langsam von innen warm werden. Sie hatte die letzten drei Nächte im Badezimmer verbracht, alles stets sorgfältig gereinigt und verbunden, da sie Rufbereitschaft hatten und Elliot niemals Blutstropfen auf ihren Hosen sehen sollte. Vielleicht war dies auch einer der Gründe, wieso sie heutzutage nur noch dunkle Hosen trug. Als sie jünger war, damals hatte sie Hosenanzüge in allen nur erdenklichen Farben getragen. Heute, war die Farbe aus ihrem Leben gewichen. Alles war schwarz und weiß, manchmal existierte auch noch das eine oder andere Grau dazwischen.

Als sie endlich bei dem Tatort angekommen waren, einer kleinen Wohnung unweit von Olivias, betraten sie diese und sahen sich um. Margret lag auf dem Bett, entblößt bis auf einen aufreizenden dunkelblauen Slip und den dazu passenden Push-up-BH. Ihr Bademantel lag unter ihr, blutdurchtränkt. Es standen keinerlei Fotos auf dem Nachtkästchen, keine hingen an den Wänden, nur auf einer Wohnzimmerwand hing eines von einer Ordensverleihung. Sie war mit ihrem Partner zu sehen, einem Mann, der auch etwa in ihrem Alter war. So schätze Olivia.

Melinda kniete über der Leiche, untersuchte sie von außen und Elliot wartete bereits auf eine erste Analyse, ein Ergebnis, während Olivia im Zimmer auf und ab ging.

Diese Wohnung war zwar etwas kleiner als die ihre aber es hätte ihre sein können, die Farben und Möbel warn ähnlich – alles relativ günstig, teilweise abgewohnt, ohne Wert auf neue Stücke gelegt zu haben. Vielleicht hatte sie sich, wie Olivia, gesagt, dass sie nur zum Schalfen nach Hause käme und da nicht mehr nötig sei.

Es hing keine Weihnachtsdekoration an den Fenstern, stand nichts dergleichen in der Wohnung herum. Wie bei Olivia. Den Weihnachtstag hatte sie damit verbracht, ihren Rausch der Heiligen Nacht auszuschlafen – zwei Flaschen Tequilla und etwas Scotch, nachdem sie das Grab ihrer Mutter besucht hatte. Die treusten Begleiter der letzten Weihnachten.

Nun, zwei Tage danach, am 27., hatte sie es geschafft, nicht mehr nach dem billigen Fusel zu riechen. Sie hatte sich sogar gesagt, mehrmals, dass es zu viel gewesen war, dass sie die Grenze überschritten hatte, die sie niemals hatte überqueren wollen. Aber es war geschehen. Sie hatte beinahe 20 Stunden geschlafen, da sie am Ende auch, wie jeden Abend, noch die Schlaftabletten genommen hatte.

Oft hatte sie sich bereits gefragt, wer sie suchen kommen würde, wenn sie nach einem Wochenende nicht käme, wem es überhaupt auffallen würde. Wahrscheinlich wäre es so und so zu spät, sie wäre bereits seit Tagen tot. Vielleicht sogar einer Woche. Niemandem würde sie abgehen. Und das war, so erklärte sie sich selbst, ihre eigene Schuld.

Keine ihrer Beziehungen, egal ob zu Dean oder jemand anderem, hatte sie nahe genug an sich herangelassen, allen hatte sie misstraut. Meist auch zu Recht. Manche hatten sie betrogen, belogen oder/und einfach nur benützt. Kein einziges Mal hatte sie einem Mann eine Schublade richtig frei geräumt, ihn bei sich einziehen lassen oder ihm auch nur das Gefühl gegeben, dass es etwas Ernstes sein könnte, das sie gemeinsam teilen.

+++

„Was ist los mit dir?“, fragte Elliot als sie gemeinsam den Weg zurücklegten, das Schneetreiben vor ihnen schien niemals zu enden.

„Nichts, was soll sein?“, war ihre kühlte Antwort. Sie konnte ihren Atmen sehen.

„Ach nichts …“

Was war es, das er bemerkt hatte? Den dem Weg sprachen sie kein Wort mitsammen und sie überlegte, was es nur sein konnte, dass er für „anders“ hielt.

Früher einmal hätte Elliot nachgefragt, hätte gebohrt, bis sie es ihm gesagt hätte. Heute? Heute war alles anders. Wenn sie es ihm nicht beim zweiten Mal sagte, egal was, dann vergaß er es, ignorierte es.

Das Pflaster musste sich gelöst haben, zumindest fühlte es sich im Moment so an.  Bei einer Starbucks Filiale, die trotz der Schneemassen noch offen hatte, blieb sie stehen und ohne viele Worte ging sie dort auf die Toilette, zeigte ihr Abzeichen, dann wurde ihr die Türe geöffnet.

Der Verband war nicht nur verrutscht sondern hatte auch eine Kruste mich sich gerissen. Es schmerzte und diesmal war der Schmerz kein schöner, entspannender oder sie befriedigender.  Zudem konnte sie nichts Frisches über die Wunde geben, um sie zu schützen, sondern konnte nur hoffen, dass das Blut nicht durch die Hose gehen würde. Irgendwo in ihrem Inneren hatte sie immer die Hoffnung, dass all das irgendwann ein Ende haben würde, egal auf welche Weise.

Als sie das Kaffeehaus verließ wartete Elliot verärgert vor der Türe.

„Du hättest etwas sagen können ….“

„Ich musste aufs Klo“, erklärte sie ihm und ging weiter in Richtung Revier. Sie konnte erkennen, wie Elliot innerlich tobte, nicht verstand, wieso sie einfach verschwunden war. Aber er sagte nichts, er sagte nie etwas.

Sie waren immer noch in Harlem, es kam Olivia vor als würden sie sich kaum von der Stelle bewegen und trotzdem fiel mehr und mehr Schnee, es schien niemals aufzuhören. Seit Tagen nicht.

Eine Art Gleichschritt war es, in den sie gefallen waren. Kein Wort wurde gesprochen und bei rutschigen Flächen reichte Elliot ihr nicht die Hand, so wie früher.

Tief in ihrer Brust verspürte sie einen Schmerz,  eine tiefe Sehnsucht nach dem, was einmal gewesen war. Aber das Wissen, dass es nie wieder so sein würde, quälte sie weitaus mehr. Sie hatte den Moment verpasst, hatte die Sekunde´, in der sie hätte etwas ändern können vertrödelt.

Gemeinsam kamen sie an einer Ecke vorbei, vor der eine Gruppe Jugendlicher auf einem Auto saß und gerade ihre Messer verglich. Olivia wäre einfach weitergegangen, hätte Elliot nicht seine Marke gezückt und ihnen eine Rechtsbelehrung aufgedrängt. Liv stand kurze Zeit neben ihm, fühlte sich allerdings nicht behaglich und ging einige Schritte weiter, bis sie an die nächste Kreuzung kam.

Sie blickte zurück und sah Elliot, der allmählich und langsamen Schrittes wieder auf sie zukam. Plötzlich ertönte ein lauter Knall. Elliot drehte sich um und sah nicht, wie Olivia zu Boden ging.

Ein Schmerz durchfuhr sie, dessen Ausmaß sie noch nie erlebt hatte. Ihre Hand griff auf ihren Bauch. Ihre dicke Daunenjacke wärmte sie nicht mehr, ihr Kopf lag auf etwas Kaltem, die Kälte durchfuhr auch allmählich ihren ganzen Körper, kroch über den Scheitel den Hals entlang, dann über die Wirbelsäule in die Zehen. Sie fühlte sich nicht nur kalt sondern auch unglaublich müde, müder als sie jemals zuvor gewesen war.

Ihre innere Stimme sagte ihr, dass sie die Augen schließen solle, ein wenig Schlaf würde ihr nicht schaden.

I need a hero I’m holding out for a hero ‘til the end of the night He’s gotta be strong And he’s gotta be fast And he’s gotta be fresh from the fight I need a hero I’m holding out for a hero ‘til the morning light He’s gotta be sure And it’s gotta be soon And he’s gotta be larger than life

Up where the mountains meet the heavens above Out where the lightning splits the sea I would swear that there’s someone somewhere Watching me Through the wind and the chill and the rain And the storm and the flood I can feel his approach Like a fire in my blood

Im Gegensatz zu vorher fühlte sie sich nun wohlig und warm. Sie öffnete ihre Augen und sah, dass alles immer noch weiß um sie herum war. Weißer als weiß.  Doch musste sie keine warmen Wintersachen mehr tragen,  sondern fand sich in einer weißen weiten Hose wieder und einem dazu passenden togartigen Oberteil.

„Mom?“

„Olivia“, sagte die Frau, die vor ihr stand sanft zu ihr. „Ich dachte nicht, dass es so schnell gehen würde, dass wir uns wiedersehen.“

„Ich bin tot…“, murmelte die Polizistin leise vor sich hin.

„Noch nicht, noch hast du die Entscheidung nicht getroffen.“

„Ich muss mich entscheiden? Zwischen was?“, fragte sie und griff sich an die Stirn. Gleichzeitig fühlte sie sich, als hätte ihr jemand in den Magen geschlagen.

„Entweder du kämpfst und heilst oder du gibst auf. Du musst abwiegen, ob es sich auszahlt zu kämpfen!“

Olivia war ruhig, still. Innerlich jedoch aufgewühlt.

„Du musst dich jetzt entscheiden Olivia. Es gibt Leute, die auf dich warten, die an deiner Trage auf eine Reaktion von dir warten. Zweimal hast du bereits versucht, von ihnen Abschied zu nehmen, in den letzten Minuten und trotzdem hält dein Partner immer noch deine Hand.“

„Du siehst Elliot? Was ist passiert?“

„Angeschossen wurdest du in Harlem. Elliot hätte die Jugendlichen nicht provozieren dürfen. Er weiß das. Jetzt.“

Auf und ab ging Olivia einige Male. Sie sollte eine Entscheidung über ihr Leben treffen? Wahrscheinlich war all das so und so nur ein Traum. Ein schlechter Traum.

„Du musst auf dich aufpassen, Olivia, aufpassen, dass du nicht so endest wie ich. Du musst mit all den Sachen, die du machst, wenn du dich einsam fühlst, aufhören. Olivia ich bitte dich inständig. Du bist zu jung, um zu sterben.“  Die Stimme von Serena war ruhig, belehrend.

Selbstverständlich hatte Olivia immer wieder an ihre Mutter gedacht, auch an die positiven Momente, die sie hatten, auch wenn es sehr wenige waren.  Einmal waren sie gemeinsam in  Miami gewesen, hatte zwei wunderbare Tage mitsammen verbracht, am Strand. Olivia überlegte, wie alt sie damals wohl gewesen war, vielleicht acht oder neun.Natürlich hatte es Serena nie einfach gehabt, obwohl sie aus guten Verhältnissen gekommen ist, machte ihre Familie ihr das Leben nicht einfach mit einer unehelichen Tochter, deren Vater angeblich ein Vergewaltiger gewesen sein soll. Ihre Großmutter, die sie nur einmal gesehen hatte als kleines Mädchen, hatte Serena nicht geglaubt, dass es ungewollt gewesen war, die Schwangerschaft.

„Kämpfe …“, erklärte ihre Mutter, „kämpfe und ändere dein Leben. Du wirst es nicht sofort schaffen, wieder positiv zu denken, aber wenn du es wirklich möchtest, dann schaffst du es.“

„Aber wieso? Welche Gründe habe ich, um weiterleben zu wollen?“, fragte die junge dunkelhaarige Frau, die inzwischen im Yogasitz am Boden saß, der so weiß wie alles andere um sich war, nur nicht mehr so kalt, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

„Das fragst du mich?“

„Ich frage es dich nicht Mom, ich stelle es fest. Ich habe niemanden, der auf mich wartet, niemand, dem ich abgehen werde. Wenn ich nach Hause komme, interessiert sich keiner für mich. Nicht was ich mache, denke, tue oder nicht tue.“

„Das glaubst du.“

„Mom, es ist so. Ich komme nach Hause, schließe die Türe hinter mir und es ist, als würde die Außenwelt nicht mehr existieren. Mein Telefon läutet, wenn ein Fall meine Aufmerksamkeit braucht.“

„Weil du alle Menschen um dich von dir wegstößt. Du niemandem vertraust. Eine  Mauer um dich aufgebaut hast.“ Olivia spürte die Hand ihrer Mutter an ihrem Kinn, schob es nach oben, damit sie sich in die Augen sehen konnten. „Aber das heißt nicht, dass du ihnen keine Sorgen bereitest.“

„Mom …“

„Du musst einfach kämpfen. Um dein Leben.“

Kurze Zeit schloss sie die Augen und als sie versuchte, diese wieder zu öffnen, war das Weiß verschwunden.  Sie sah gar nichts mehr, fühlte nur unglaublichen Schmerz, der ihr durch den ganzen Körper fuhr.

+++

„Liv“, hörte sie eine bekannte Stimme neben ihr sagen und eine Hand, die die ihre umschloss. Sie war warm, groß und rau.  Ohne die Augen öffnen zu müssen, wusste sie, wer an ihrer Seite war. Auf der einen Seite war eine gewisse Ruhe, in die es sie sinken ließ, zu wissen, dass Elliot nicht nachhause gegangen war, um mit seinen Kindern zu essen, auf der anderen Seite wurde ihr tiefer Schmerz dadurch wieder entfacht.

„Liv …“, wiederholte er sanft und seine Stimme klang nahe und doch weit entfernt. Mit Anstrengung konnte sie ihre Augen öffnen.

Sie konnte aber nicht sprechen, etwas Fremdartiges steckte in ihrem Hals aber allmählich schaffte sie es, ihren Kopf zu wenden und Elliot anzusehen. Er lächelte scharmant, wie so oft. Dann ließ er ihre Hand los. „Ich hole den Arzt Liv, vielleicht kann er dir den Schlauch entfernen.“

Als er Mann im weißen Mantel das Zimmer betrat, überlegte Olivia ob sie ihn kannte und eigentlich hatte sie die Vermutung gehabt, dass sie fast alle Ärzte in diesem Alter kannte. Aber nein, dieser war ihr neu.

„Olivia, schön, dass sie wach sind“, sagte er, als er langsam auf ihr Bett zuschritt. „Halten sie ruhig und dann husten sie. Es wird ihnen in der Brust weh tun.“ Olivia nickte nur zustimmend, sie musste  das Plastik loswerden. Kaum jemand konnte sich vorstellen, wie es war, wenn ein Gerät Luft in deine Lunge presste, du dich nicht wehren konntest.

Das Husten war schmerzhaft aber ertragbar und dann war der Moment gekommen. Elliot hielt einen Becher mit Eisstücken in der Hand und ließ einen in ihren Mund gleiten.

„Gut, sie wurden in die Brust geschossen. Die Kugel ist nur einen Zentimeter unter ihrem Herzen durch ihren Körper gewandert. Es gibt und gab keine kardiologischen Probleme, es wurde auch keine Rippe durchschlagen, nur leicht gestreift. Bis auf die Narbe werden sie so gut wie neu sein. Der weitere Punkt den wir besprechen müssen, vielleicht sollten wir das alleine …“

„Ich warte …“, begann Elliot und wollte den Raum verlassen. Aber nicht geistesgegenwärtig wie Olivia im Moment war, schüttelte sie nur den Kopf und ließ seine Hand nicht los, drückte sogar fester zu.

Leiste flüsterte sie: „Er ist mein Notkontakt, er kann es wissen.“

„Sind sie sich sicher?“, fragte der Arzt zögerlich. Ein simples Nicken ihrerseits ließ den Mann in Weiß in den Sessel auf der anderen Seite des Bettes gleiten.  Er wartete kurz und Olivia fragte sich, was er ihr nur im Privaten mitteilen wollte.

Sie war sich nicht sicher, was er ihr mitteilen, nicht sicher, was er ihr nur im Vertrauen sagen wollte. Olivias ganzer Körper schmerzte, obwohl sie wusste, dass die Kugel nur ihre Lunge durchschossen hatte.

„Bei den Voruntersuchungen für die Notoperation haben wir all ihre Kleidung entfernt und die Schnitte gesehen. Drei haben wir geöffnet, da sie entzündend waren“, erklärte er. Nun erkannte Olivia, dass es ihr lieber gewesen wäre, wenn Elliot den Raum verlassen hätte. Mehrmals hatte sie in den letzten Sekunden versucht, ihn nicht anzusehen, nicht zu sehen, wie eindeutig sein Entsetzen ihm ins Gesicht geschrieben war.

„Ich hätte gerne, dass sie mit einem Psychiater sprechen, einfach mit ihm sprechen. Wir vermerken es nirgendwo, ich weiß, wie wichtig dies für ihren Job ist. Aber von der Masse ausgehend machen sie dies nun schon einige Monate, “ sagte er und in diesem Moment drehte sich Elliot um und verließ wortlos das Zimmer.

Wie gerne wäre sie ihm hinterher gelaufen, hätte ihm gesagt, dass es alles nicht so schlimm war, wie es nun klang und er sich keine Sorgen machen müsse.

„Wie lange?“, fragte er nun und umfasste kurz seine Hand mit der ihren. Die Tränen, die langsam ihre Wangen hinab liefen, bemerkte sie kaum. Sie merkte kaum, wie ihr ganzer Körper zitterte und ihr ein Schluchzen entkam.

„Ein Jahr“, antwortete sie leicht fragend, den Arzt nicht ansehend.

„Sie müssen mit Dr. Kopersky sprechen, unbedingt. Ihr Job ist hart, ihr Privatleben wahrscheinlich wegen diesem auch nicht einfach. Vielleicht können sie mit ihm eine Lösung finden, eine Übung, eine …“

„Es ist nicht nur der Beruf und was ich dort sehe, es ist so vieles mehr“, entgegnete sie ihm und bat ihm, sie nun schlafen zu lassen.

Niemals hatte sie wollen, dass Elliot von ihrem Geheimnis erfährt.  Von ihrem dunklen Geheimnis. Es war ihr nicht peinlich. Manch ein Cop flüchtet sich in den Alkohol oder in die Drogen, bei ihr war es etwas, das niemand anderem wehtat, nur ihr. Etwas Persönliches.  Etwas Geheimes.

Nun würde er sie verurteilen, würde sie wissen lassen, auf seine passiv-aggressive Art, dass er dies nicht gut heiße. Er würde nicht mit ihr sprechen, würde nicht fragen wieso. Er würde sie als verrückt abstempeln, besonders wenn sie nun mit einem Psychiater sprechen sollte.

Wenn er sie fragen würde, könnte sie ihm keine Antwort geben, ohne sich zu verraten. Ohne ihm gestehen zu müssen, dass er Teilschuld an all dem hatte. Dass es sein Verhalten war, dass nur durch den Schmerz eines Schnittes, ein paar Gläser Alkohol oder bedeutungsloser Sex mit namenlosen Männern besiegt werden konnte.

Allerdings strebte sie auch die Überlegung an, dass ein Psychiater all dies nicht verstehen und sicherlich die Ansicht erlangen würde, das ihr Job das Übel ihres Lebens war. Doch war in Wahrheit dies der einzige Teil, der ihr half zu überleben. Der sie aufstehen ließ. Der ihr einen Grund gab, dem trostlos scheinenden Leben, kein Ende zu setzen.

Ja, sie hatte sich selbst in eine quasi hoffnungslose Situation verfrachtet, hatte es geschafft, dass nichts mehr von Bedeutung war. Ein ernst gemeintes Lachen war ihr schon lange nicht mehr entkommen, das Lächeln hatte sie vor langer Zeit aufgegeben. Die Augenringe hingegen waren stärker geworden, der Wodka im Eisschrank mehr, die Hoffnung, an all dem etwas zu änder geschwunden.

Im Endeffekt wurden die Augenlider aber immer schwerer und sie fiel in einen traumlosen, durch Medikamente indizierten Schlaf.

+++

„Olivia“, hörte sie eine nur allzu bekannte Stimme,  ihre linke Hand war von einer anderen umschlossen und ihre Brust schmerzte beim Atmen. Sie hatte nicht bloß geträumt, sie war wirklich, wie es schien, angeschossen worden.

„Elliot?“, fragte sie noch bevor sie ihre Augen öffnen konnte.

„Ich bin es nur. Du hast jetzt beinahe 14 Stunden geschlafen, Liv. Dr. Kopersky ist hier und möchte gerne mit dir sprechen.“

Ihre Augen öffneten, leichter Horror durchfuhr ihren Körper. Auch dies hatte sie nicht geträumt, dass Elliot im Raum war, als der nette Arzt im weißen Mantel ihr gesagt hatte, dass man hinter ihr Geheimnis gekommen war.

„Hm …“, stimmte sie zu und Elliot half ihr das Bett etwas aufzurichten und gab ihr ein Glas Wasser zu trinken.

Im selben Augenblick, als sie das Glas von ihren Lippen entfernte, trat ein älterer Herr ein. Sehe Haare waren schlohweiß, ebenfalls sein Bart, der nur durch einen schwarzen Streifen am Kinn sich von der restlichen Behaarung unterschied.  Er trug eine dunkle Bundfaltenhose und ein kariertes Hemd, das Livs Meinung nach, schon aus der Mode war, als es gekauft wurde. In seiner Brusttasche hatte er zahlreiche Kugelschreiber und in seiner Hand hielt er einen Notizblock. Sein Gesicht wies tiefe Furchen auf, seine Augen allerdings, die strahlten eine tiefe Ruhe aus und sie waren in einem dunklen Blau gehalten. Als er sich vorstellte, erkannte Olivia einen britischen Akzent, vielleicht schottisch?

„Nennen sie mich doch einfach Sean“, schlug er ihr vor, als er neben dem Bett platznahm.

Elliot hatte inzwischen das Zimmer verlassen, ohne eine Aufforderung erhalten zu haben. Vielleicht hatte er erkannt, dass dies ein Thema war, welches sie selbst bewältigen musste.

„Olivia“, sagte sie sanft und nahm einen weiteren Schluck.

„Ich wurde von Dr. Frederickson informiert, dass man bei der Operation festgestellt hat, dass sie – zumindest scheint es so – sich selbst mit einer Klinge die Oberschenkel aufschneiden. Stimmen sie dem zu oder widersprechen sie?“

Anfänglich hatte sie überlegt, ob sie eventuell alles dementieren sollte, nur was würde dies bringen? Nichts.

„Ich stimme ihrer Analyse zu, Sean.“

„Gut, dann würde ich sagen, erzählen sie mir ein wenig über sich, geben sie mir eine Chance, sie etwas kennenzulernen.“

Olivia erzählte ihm von ihrem Beruf und ihrer Kindheit, ihrer Mutter und den Problemen, die sie mit ihr während all der Jahre gehabt hatte, auch von dem letzten Fall mit der ermordeten Polizistin berichtete sie, auch wenn sie ihre Emotionen größtenteils nicht kundtat.

Sie unterhielten sich eine Stunde, vielleicht etwas länger und während all der Zeit, fühlte sie sich das erste Mal so, als könnte sie jemandem alles erzählen, der dies nicht werten würde, sie nicht verurteile für ihre verkorkste Jugend und ihre oftmals nicht vorhandene Möglichkeit, sich an Menschen zu binden.

Während all der Zeit war Elliot vor ihrem Zimmer gestanden und hatte durch die große Scheibe zugesehen, wie sie diesem Mann ihr Herz ausschüttete. Nicht einmal hatte er nachgefragt, in all den Monaten, wie es ihr ging und auch jetzt hatte er es nicht getan. Er war wortlos für sie dagewesen. Wortlos. Emotionslos. Tatenlos. Blind.

„Sie wissen, dass es gefährlich ist, was sie tun?“

„Natürlich.“ Nur zu gut wusste sie, wo Arterien und Venen verliefen, wie weit man wo einen Schnitt ansetzen konnte und wie tief.

„Ich kann sie nicht dazu zwingen, mir zu sagen, wieso sie das tun. Ich kann sie auch nicht zwingen sich mir gegenüber zu öffnen oder anderen Menschen mitzuteilen, die ihnen vielleicht näher stehen. Aber sie müssen einen Weg finden. Ich helfe ihnen gerne, überstelle sie gerne zu einem Kollegen oder einer Kollegin, mit der sie sprechen können.  Sie sind eine junge attraktive Frau, die alles vom Leben haben kann. Sie haben einen intensiven und aufwühlenden Job, der wenig Zeit für Hobbys lässt, nehme ich an.“ Olivia nickte nur zustimmend. „Aber jeder Mensch benötigt ein Ventil, eine Möglichkeit alles herauszulassen. Im Moment sind es für sie die Schnitte, aber gemeinsam kann man daran arbeiten, etwas Besseres, Gesünderes zu finden.“

„Es sind nicht nur die Schnitte“, erklärte sie ihm plötzlich und Tränen begannen ihre Wangen hinab zu laufen.  „Nicht jeden Abend aber oft ist es auch Alkohol oder die eine oder andere Männerbekanntschaft, die mich vergessen lassen. Die Schnitte sind das beinahe tägliche Ritual, wenn ich meine Hand noch ruhig halten kann, noch weiß, wer ich bin. Verstehen sie mich nicht falsch, ich habe meinen Job immer geliebt, bin Polizistin geworden, wegen der Art meiner Entstehung und dem Leid, welches über meine Mutter gebracht wurde. Aber im Moment empfinde ich nichts mehr, nur der Schmerz, der Schmerz egal welche Art und Weise lässt mir das Bewusstsein entstehen, noch zu leben. Eiskalt zu duschen in der Früh, barfuß im Schnee zu stehen und viele andere Sachen, die keinerlei offensichtliche Male hinterlassen. Auch dies hätte niemand jemals entdecken sollen.“

„Bis sie irgendwann den fatalen Schnitt gewagt hätten, und ihre Oberschenkelarterie durchschnitten hätten.“

Nach einer kurzen Pause und weiteren Tränen, die mittlerweile wie kleine Flüsse über ihre Wangen liefen, sagte sie kurz: „Vielleicht.“

Sean erklärte Olivia, dass sie weiterhin Gespräche führen sollten, sofern sie bereit dazu sei und Olivia willigte ein, versuchte gar nicht, dies abzuwenden.

„Wenn ich sie noch fragen dürfte, wer ist der Mann, der uns die ganze Zeit beobachtet und zuvor in ihrem Zimmer war?“

„Oh … das war Elliot, mein Partner … berufliche Partner. Er ist mein Notkontakt. War einmal mein bester Freund … bevor … bevor so vieles passiert ist.“

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Ende Kapitel 4

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
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