I need a Hero – Kapitel 6 & 7 & Der Epilog

2013-05-04 08.03.29 - Bearbeitet

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Kapitel 7

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Oftmals war ihre Beziehung eine Berg- und Talfahrt gewesen. In dem einen Moment eine innige Umarmung, im anderen die Kälte seiner Ignoranz. Doch nun, beide die Zeitung lesend, kam es Olivia so vor, als wären sie ein alte Ehepaar – Kommunikation war nicht von Nöten. Doch das Gegenteil war in Wahrheit der Fall und sie wusste dies. Die nicht vorhandenen Gespräche hatten sie in diese Situation gebracht, hatten sie dazu verleitet, sich Schnitte zuzufügen. Keine Lügen. Reine Fakten.

Lange hielt sie es sitzend noch nicht aus. Sich am Tisch aufstützend, stand sie zaghaft auf und ging langsam wieder in ihr Schlafzimmer, schloss die Türe hinter sich. Über viele Dinge musste sie sich erst im Klaren werden, wieso hatte er sie in seine Arme geschlossen? Wieso kümmerte er sich nun plötzlich um sie? Schuldgefühle?? Mitleid? Wahrscheinlich. Sicher.

Sie musste versuchen wieder mehr Distanz zwischen sich und Elliot zu bekommen, damit der Abschied nicht so schwer werden würde. Irgendwann, und der Moment würde nicht lange auf sich warten lassen, wäre der Tag hier und sie würde wieder die Schritte zurück wagen, zu Rasierklinge und Messer, wenn sie nicht besser auf sich aufpassen würde.

Als sie das erste Mal in ihr Badezimmer gegangen war, hatte sie bemerkt, dass nicht alles auf dem Platz war, wo sie es hinterlassen hatte – einige Sachen waren entfernt worden. War es Elliot oder Maureen gewesen, im Grunde nicht wichtig, aber es befand sich kein Rasierer mehr dort, wo sie ihn verstaut hatte noch die Rasierklingen. Sogar das „geheime“ Versteck unter dem Waschbecken hatte man entdeckt und geleert.

Sie fühlte sich zudem fremd in ihrem eigenen Haus, ihren eigenen vier Wänden.

Elliot war zwar an ihrer Seite, wachte nun über sie, doch wirklich anwesend war er nicht gewesen – in der Zeit, in der sie ihm am meisten gebraucht hatte.

Und niemals würde er verstehen, was sie durchgemacht hatte, niemals würde er dieses Wissen haben, da sie es nicht vorhatte mit ihm zu teilen. Man hatte es ihr geraten, der Psychiater wollte, dass sie in einweihe aber es würde ihm nicht guttun, zu wissen, was sie in ihrer Jugend erlebt hatte und was er ihr in Wirklichkeit antat, mit seiner Ignoranz, Gefühlslosigkeit. Und dem Fakt, dass er immer noch verheiratet war, jede Beziehung die sie in den Jahren zuvor versucht hatte, einzugehen, zerstört hatte – immer wieder wurde sie angerufen, wenn sie frei hatte und es war zumeist Elliot gewesen oder seine Schuld, dass sie ein Date verlassen musste, Männer sich nicht mehr meldeten.

Olivias wichtigste Priorität war über viele Jahre hinweg Elliot gewesen, umgekehrt war dies nie der Fall. Natürlich, als Partner, vielleicht noch als Freund aber als Mensch mit Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen, nein, da hatte er sie durchwegs enttäuscht.

Die Schmerzen, die sie bei jeder Bewegung verspürte waren nur erträglich, wenn sie ihre Medikamente nahm, auch wenn sie dies absolut nicht wollte, musste sie sich eingestehen, dass diese einen gewissen Vorteil mit sich brachten – sie lullten sie in einen traumlosen Schlaf und gab ihr die Möglichkeit, über nichts nachdenken zu müssen.

Hoffnung.

+++

Vier Tage später saß Elliot immer noch in ihrer Küche, als sie am Morgen ihr Bett verließ mit der Hoffnung, ihn dort nicht mehr vorzufinden.

„Du musst nachhause gehen, Elliot“, forderte sie ihn auf. Ihre Stimme gab allerdings nicht die Ernsthaftigkeit der Lage wieder. Er musste verschwinden, aus ihrer Wohnung, aus ihrem Leben. Dann würde sie vielleicht eine Chance haben zu überleben.

Elliot war zwar stets anwesend, kümmerte sich oberflächlich um ihre Bedürfnisse aber wirklich an ihrer Seite war Maureen. Sie schlief im Sessel neben ihrem Bett, bis Olivia ihr angeboten hatte, das Bett mir ihr zu teilen, immerhin sei es groß genug. Maureen wartete bei der offenen Badezimmertüre, bis Olivia fertig geduscht hatte, um sicher zu gehen, dass sie nicht ausgerutscht war. Sie kochte für sie, wusch ihre Wäsche. Elliot war einfach nur anwesend. Und die wenigen Male, die er sie in seine starken Arme genommen hatten, gehörten der Vergangenheit an.

„Du brauchst Hilfe“, entgegnete er und stellte ihr eine Tasse frisch gebrühten Kaffee hin.

„Ich brauche keine Hilfe. Ich komme sehr gut alleine zurecht.“

„Olivia bitte, es ist meine Schuld …“

„Bitte, Elliot, du musst gehen. Ich kann so nicht weiterleben. Ich brauche Abstand.“

„Von mir? Ich dachte ….?“

„Denke nicht Elliot. Ich bin noch mindestens drei Wochen im Krankenstand und du kannst nicht die ganze Zeit hier sein, du musst arbeiten gehen, Geld nachhause bringen. Und was denkt Kathy über all das? Sie ist deine Frau und du schläfst bei einer anderen. Wie sieht dies aus?“

„Maureen ist auch hier, sie braucht sich nichts zu denken, weil nichts ist. Olivia, du .. ich … wir ….“

Sich am Tisch abstützend stand sie unter Schmerzen auf, zog den Bademantel etwas enger um sich. „Ich möchte gerne alleine sein. Ich muss nachdenken, wie es weitergehen soll. Mit mir.“

Kurze Zeit herrschte absolute Stille bis Elliot plötzlich realisierte, was sie gerade zu ihm gesagt hatte.

„Du kannst nicht … Olivia …“ Sie war zum Fenster gegangen und nun stand er hinter ihr, seine Hände auf ihren Schultern. „Du kannst diese Gedanken nicht haben, uns zu verlassen, deinen Job aufzugeben.“

„Vielleicht wäre es allerdings das Beste für uns alle? Dich, mich, deine Ehe …“

„Nein, das wäre es sicherlich nicht. Ich könnte ohne dich nicht weiterarbeiten. Ich will keinen anderen Partner.“

„Bisher hattest du nie Probleme damit“, sagte Olivia mit Sarkasmus in der Stimme.

„Du warst einfach verschwunden, von einen Tag auf den anderen, ohne mir etwas zu sagen und dann kam Dani, fand Interesse an mir. Jeden einzelnen Tag habe ich gehofft, dass du in der Früh an deinem Schreibtisch sitzen würdest, jeden einzelnen Tag, Liv. Das musst du mir glauben.“

Und sie konnte nicht anders, als dies zu tun. Immerhin schien er ehrlich mit ihr zu sein.

„Und doch war es sie damals, die du geküsst hast.“

Er nickte nur zustimmend.

„Und umgehend warst du zurück bei deiner Frau, mit einem weiteren Kind.“

„Sachen wie diese passieren. Um ein Kind zu zeugen, muss nicht immer Liebe im Spiel sein.“

„Natürlich nicht“, sagte sie, drehte sich weg und ging zum nächstgelegenen Fenster. Sie war der beste Beweis für diesen Fakt – es musste wahrlich keine Liebe im Spiel sein. Sex war animalisch, wenn er gut war, manchmal einfach nur lausig, schlecht, unbefriedigend. Sie bevorzugte natürlich den ersteren, doch nicht jeder Mann war in der Lage, ihr dies zu geben, besonders in den letzten Monaten. Immer öfter hatte sie das Gefühl überkommen, nachträglich selbst Hand anzulegen, um den Punkt der wahren Befriedigung zu erreichen.

„Gehe nach Hause zu deiner Frau Elliot. Sie ist diejenige für die du dich vor vielen Jahren entschieden hast und du wirst sie niemals verlassen, auch wenn du irgendwann anders empfinden solltest. Ihr habt zu viel gemeinsam erlebt, zu viel erschaffen.“ Starr blickte sie aus dem Fenster, das Nachbarhaus, die Wohnung ihr gegenüber beobachtend, ohne etwas wahrzunehmen. #

„Man kann Vergangenes nicht ändern, Liv.“

„Natürlich kann man das. Elliot, wir leben im 21. Jahrhundert. Man kann stets ändern was man gemacht hat, solange es nicht um Mord und Totschlag geht.“

„Aber ….“

„Sage nichts, Elliot. Geh nachhause zu deiner Frau, nimm sie in den Arm …“

„Und wenn ich das nicht will?“ Seine Stimme war leiser, weniger intensiv und seine rauen Finger strichen ihr über den Hals. Kurzzeitig versuchte sich Olivia wegzudrehen, doch er gab nicht auf und irgendwann, von Schmerzen geplant, gab sie auf, ließ die imaginären Hüllen fallen.

Als sie sich am Fensterbrett abstützend dastand, und seinen Fingern irgendwann seine Lippen folgten, auch diese rau und männlich, ließ sie endlich alle negativen Ideen, die in ihrem Kopf herumschwirrten, fallen und genoss diese Momente der Intimität, der Zweisamkeit. Zu gut wusste sie, dass sie diese eigentlich nicht genießen durfte, keinen Gefallen daran finden sollte, immerhin wartete zu Hause eine Frau auf ihn, die sie nur zu gut kannte. Sie spürte ein Verlangen nach Elliot, wusste, dass er es war, der stets  ihre Träume beherrschte, auch wenn sie sich gegen all dies wehrte. Nur genügend Alkohol ließ diese verschwinden, sie in einen traumlosen Schlaf fallen, unerholt aufwachen.

Innerlich focht sie gerade einen Kampf mit sich aus. Auf der einen Seite wollte sie, dass er aufhöre, sie zu liebkosen, die andere Seite – die teuflische – verlangte nach mehr, weitaus mehr, wissend, dass sie dies aufgrund ihrer frischen Verletzungen so und so nicht haben konnte, da eine Interaktion quasi als unmöglich eingestuft werden konnte. Welche Seite sollte gewinnen?

Elliot nahm die Entscheidung ab. Seine Arme umschlossen langsam ihre Taille, während seine Lippen immer noch an ihrem Hals waren. Wissend, wo er sie berühren konnte, ließ er diese großen Hände über ihren Körper wandern und genoss die Laute, die sie von sich gab. Und diese hätten wahrscheinlich jeden Mann befriedigt, ohne auch nur auf irgendeine Art und Weise sexuelle berührt worden zu sein.

Sie trug unter dem  Bademantel lediglich lange Pyjamahosen und ein T-Shirt. Und er hatte dies, wie es schien, gerade herausgefunden, als er die Kordel der Robe öffnete und diesen zu Boden gleite ließ. Und immer noch starrte sie das gegenüberliegende Haus an, und immer noch nahm sie nichts wahr.

Auch als er das T-Shirt langsam hoch schob um die Haut an ihrer Taille zu berühren, was ihr endgültig ein Stöhnen entlockte.

„Elliot …“

„Olivia …“, und dies rollte über seine Lippen als würde er es täglich in seine wildesten Träumen von sich geben.

„ … Das … das ist nicht richtig ….“

„Ich wollte aber schon immer einmal …“Und da machte es klick in ihr. Er wollte sie wahrscheinlich immer schon einmal berühren und die Betonung liegt auf einmal. Liv versuchte sich aus der Umarmung zu lösen. „Mehrmals, täglich, beinahe in jeder Minute meines Lebens möchte ich dich berühren, spüren, dich schmecken Liv. Jedes Mal stelle ich mir vor, wie du dich unter mir windest, dich wehrst, mir erklärst, wie wenig Aussicht eine Beziehung zwischen uns hätte, wenn ich dich bei den Spinds beim Umziehen überrumple und dich gerade im BH vor mir stehend erwische, dich gegen den kalten metallenen Kasten presse und wir leidenschaftlichen Sex haben.“

Wie oft beim Umziehen hatte sie gehofft, dass er nicht anklopft, wenn er den Raum betritt, dass er wütend sei und einen Weg suche, diese Wut abzubauen und dafür sie benutzen würde. Hoffnungen. Wünsche. Träume.

+++

+++

Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, waren sie auch schon verblasst. Ihre Wunde schmerzte plötzlich furchtbar und sie sank mit schmerverzerrtem Gesicht zu Boden.

„Liv“, murmelte er laut und hielt sie in seinen Armen, als sie am Boden lag. Elliot spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die dunkelhaarige Frau stöhnte wiederholt auf, griff sich an die bandagierte Stelle. Der Raum schien in den letzten Sekunden abgekühlt zu haben, Olivia zitterte am ganzen Körper und plötzlich merkte Elliot, dass ihr Shirt blutig war. Die Wunde musste aufgegangen sein. Wie könnte das nach all der Zeit noch passiert sein?

Er konnte nicht wissen, dass sie immer wieder an der Kruste gespielt hatte, den Schmerz genoss, nachdem man alle anderen Mittel in ihrer Wohnung sichergestellt hatte, den sie erfuhr, wenn sich ein Stückchen löste. Sie fühlte sich dann immer lebendig.

Ihre Umgebung wollte nicht einsehen, dass sie zu den Menschen gehörte, die Schmerz brauchten um zu überleben.  Trübsinn hatte sie stets mit einem kleinen Schnitt zerstört, Angst mit einer spitzen Nadel besiegt. Männer waren gekommen und gegangen, immer hatte sie dafür gesorgt, dass sie nichts davon merkten – die Oberschenkel kaschierte man am einfachsten mit spitzenbesetzten Strümpfen.

+++

In seiner Verzweiflung hatte Elliot nicht nur die Rettung gerufen sondern auch seine älteste Tochter, um ihm beizustehen.

Im Krankenhaus erfuhr der muskulöse Mann, der in seiner Verzweiflung kleiner wirkte, dass Olivia seit Tagen keine ihrer Medikamente genommen hatte, nicht die Schmerzmittel oder die Entzündungshemmer. Nichts. Die Ärzte fragten sich, wie sie wohl mit den teilweise unerträglichen Schmerzen umgegangen sein könnte. Elliot musste ihnen mitteilen, dass sie sich so verhielt wie immer und irgendwann in derselben Nacht, erkannten sie, dass sie wohl ein gewisses Level an Schmerzresistenz haben musste.

Genau konnte sich Liv an Elliots Worte erinnern und sie erkannte, dass es einfach nicht richtig war. Er war ein verheirateter Mann, der bereits zu viel Zeit mit ihr verbracht hatte. Die eigene Familie sollte nun wieder im Mittelpunkt stehen.

„Wie geht es dir, Liv“, fragte er zögerlich, den Sessel näher an ihr Bett heranziehend.

„Geh nachhause, Elliot. Kümmere dich um deine Familie“, antwortete sie kühl. In die Augen sehen konnte sie ihm dabei nicht, zu sehr schmerzte sie all dies.

„Ich bleibe so lange, bis es dir wieder besser geht.“

„Es geht mir gut, Elliot.“

„Nein“, entgegnete er, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. „Du nimmst deine Medikamente nicht, überanstrengst dich und …“

„Es ist mein Leben. Sachen existieren, Elliot, die dich einfach nichts angehen und daran solltest du dich gewöhnen. Geh jetzt endlich und ich bitte dich inständig, komm morgen nicht wieder.“

„Liv …“

„Nein, diskutiere nicht mit mir. Ich kann es auch dem Sicherheitsdienst sagen und das willst du glaube ich nicht.“

Als sie diese Worte ausgesprochen hatte, drehte sie sich zur Seite, die Schmerzen verlangten es, die nicht nur von der Wunde ausgelöst wurden. Ihr Gesicht verbarg sie tief in den Polster. Auf diese Weise konnte sie nicht sehen, wie Elliot trauererfüllt den Raum verließ, die Türe hinter sich ins Schloss fallen ließ und am Gang in einen Sessel rutschte. Sein Gesicht verbarg er in seinen Händen.

Nun begann sie, viele Gedanken durch ihren Kopf laufen zu lassen. Gegen das Fenster peitschten der Regen und sie konnte die Bäume erkennen, die sich im Sturm wiegten. Vor wenigen Tagen war noch Schnee gelegen, jetzt war dieser weggeschwemmt, die Stadt von all dem Wasser überflutet.

Das Risiko seine Ehe und vor allem seine Ehe zu zerstören war zu groß. Er wollte sie nackt sehen, sie berühren, damit hatten sie alle vorhandenen Grenzen überschritten, die es zwischen Partnern überhaupt gab.

Was sollte sie nun machen? Sie stellte sich selbst zahllose Fragen. Was würde die Zukunft bringen, wenn sie in New York bliebe?

+++

Vier Tage später wurde sie aus dem Spital entlassen.  Cragen war informiert, dass sie einige Tage freinehmen würde und sie hatte ihn gebeten, niemanden im Revier davon zu informieren. Sie wiegte ihre Möglichkeiten ab. Wenn sie in New York bleiben würde, dann war Elliots Scheidung nur eine Frage der Zeit. Er würde eine kurze Zeit Interesse an ihr finden, dann aber doch bemerken, dass sie nicht der Mensch war, für den er sie hielt. Niemals hatte sie ihm von all den Schrecken ihrer Kindheit erzählt, nur oberflächlich wusste er Bescheid.

In den vertrauten vier Wänden sammelte sie alle von Elliots Sachen zusammen und packte sie in einen Karton, auf den sie groß seinen Namen schrieb. Dann fuhr sie den Laptop, der meist in einer Schreibtischlade lag, hoch und begann sich umzusehen, nach Optionen zu suchen.

Die Kanadier suchten Special Victim Polizisten, doch war sie für die Kälte nicht gemacht. Sie könnte sich auch in den Staaten einen anderen Posten suchen, nicht bei der Polizei, immerhin hatte sie Geschichte, Kunst und Englisch studiert, doch Elliot würde sie finden und sie aufsuchen. Ihr versuchen einzureden, dass sie zurückkommen sollte. Und wahrscheinlich würde sie ihm nicht widerstehen können, diesen Charme hatte er nun einmal. Doch aus genau diesem Grund wollte sie New York verlassen, möglichst weit weg von ihm.  Möglichst weit weg von all dem, was sie an ihn erinnern würde.

+++

Zwei Tage später befanden sich zwei Antwortemails in ihrem Posteingang.

From:  Captain Padraig McLoney

To: Olivia Benson

Sehr geehrte Olivia Benson!

Gerne offeriere ich ihnen den Posten auf meinem Revier. Ich würde mich freuen, wenn sie am 1. April ihren Dienst in  Cork antreten könnten. Wir sind gerade dabei einen Special Victims Unit aufzubauen und würden uns freuen, eine erfahrene Polizistin in unserem Team begrüßen zu dürfen. Natürlich können wir ihnen nicht all den Service bieten, den sie in New York gewohnt sind. 

Ich habe mir die Freiheit genommen und ihnen einige Immobilienangebote mitgesendet. Polizisten haben in Irland immer gute Konditionen, wenn sie Häuser erwerben oder mieten wollen. 

Der in der Anzeige angegebene Gehalt inkludiert Krankenversorgung, Sozialleistungen und die Pensionskassa. Außerdem können sie günstig das Golfspiel erlernen, falls sie Interesse haben sollten, da wir eine Kooperation mit dem nächstliegenden Golf Club eingegangen sind. 

Ich freue mich darauf, sie persönlich kennenzulernen. 

Mit freundlichen Grüßen,

Padraig McLoney. 

Olivias Gesicht strahlte und so nahm sie auch die Absage aus Rom eher gelassen, in der ihr Capitano Belmondo mitteilte, dass die Stelle bereits vergeben war. In den letzten Tagen hatte sie diverse Jobangebote gelesen und drei ausgewählt. Irland war ihr Wunsch gewesen und es schien, als würde sich endlich einmal etwas zum Positiven wenden.

Die folgenden Tage nutzte sie, mithilfe eines Umzugsunternehmens, ihre Sachen zusammenzupacken. Die Trennung von vielen Gegenständen fiel ihr nicht besonders schwer, besonders all das, was sie an ihre Mutter erinnerte.

In einen Karton mit Pullover legte sie das Bild von Elliot und ihr, das einmal auf einem Polizeiball aufgenommen wurde – beide elegant gekleidet und danach hatten viele geglaubt, dass sie bereits eine leidenschaftliche Affäre führen würden. Ein Foto, ihre Ketten und eines von Elliots T-Shirts – das war alles, das sie mitnahm und ihn an ihn erinnern würde, nicht mehr und nicht weniger.

Als die Karton gestapelt in der Wohnung standen, die Möbel leer, ihr Mietvertrag gekündigt und ein Bote mit der Kündigung inklusive ihrer Marke und Waffe auf dem Weg aufs Revier waren, erst dann setzte sie sich hin, schluckte ihre Medikamente mit einem Glas Wasser und starrte auf das weiße Blatt und den Kugelschreiber, die vor ihr lagen. Sie wusste, dass sie Elliot nicht wortlos verlassen konnte, nicht ein zweites Mal, das hatte er nicht verdient. Doch es war schwer, die richtigen Worte zu finden.

So konnte sie ihre Augen lange nicht von dem leeren Blatt abwenden. Ihr Handy hatte sie ausgeschaltet, morgen würde sie es am Flughafen entsorgen. In der Früh würden die Männer kommen und die wenigen Sachen, die sie mitnahm, in einen Container verladen, der sie in Irland in einigen Wochen erreichen würde. Für die kommenden Tage hatte sie lediglich eine Reisetasche gepackt, eine Handtasche mit den wichtigsten Dokumenten.

Olivia freute sich auf Irland. Wenig hatte sie zuvor von dem Land gewusst, nun hatte sie sich endlich informieren müssen und sich in das Land verliebt – die gründen Weiten, die Menschen, die auf den Fotos niemals böse Blicke in ihren Gesichtern hatten, oftmals lachten. Das wilde rote Haar der Bevölkerung, die hitzige Vergangenheit. Sinn Fein, IRA, Michael Collins, Eamon DeValera. Aber auch die Musik gefiel ihr, so hatte sie The Corrs, Dubliners und Wolfe Tones auf ihren Ipod geladen. Auch einen John Wayne Film hatte sie sich angesehen beim Packen – „The Silent Man“ und die Landschaft war einzigartig. Sie fragte sich, ob sie wohl überall in Irland so war oder nur an den Orten, die man gerne in Filmen oder auf Fotos zeigte.

+++

Mehr als eine Woche hatte sich Olivia nicht gemeldet und als Cragen einen großen Umschlag von einem Boten übergeben bekam und er sich plötzlich, nachdem er diesem ein Blatt entnommen hatte, hinsetze, erkannte Elliot, dass etwas nicht stimmte.

Hastig stand er auf, zog sich die Jacke über und fuhr – einige rote Ampeln überfahrend und sich nicht an die Geschwindigkeitsbeschränkungen haltend – zu Olivias Wohnung.

Er stürmte die Stiegen hinauf, die Türe stand etwas offen und als er den Raum betrag, blieb er abrupt stehen. Sie war leer, komplett ausgeräumt bis auf die Wandregale und die Couch. Langsam ging er zu Olivias Schlafzimmer, auch dieses war ausgeräumt, bis auf die großen sperrigen Möbel. Dann schritt er in die Küche und entdeckte ein gefaltetes Blatt neben der Abwasch, beschwert mit einer Kaffeetasse. Auf diesem stand in ihrer runden Handschrift sein Name. Als er nach dem Zettel griff, zitterten seine Hände und dies war das erste Mal seitdem sie angeschossen worden war. Angst überkam ihn, panische Angst.

Lieber Elliot!

Wenn du diese Zeilen liest, bin ich bereits weit weg. Es ist schön, dass du nach mir sehen wolltest, ich weiß und wusste deine Freundschaft, oder was immer wir hatten, mehr als nur zu schätzen. Du warst immer für mich da, auch wenn ich wieder einmal weggelaufen bin. 

Ich weiß, dass du meine Entscheidung nicht verstehen wirst, aber ich muss dich verlassen. Du hast Familie und diese braucht dich mehr als ich dich jemals brauchen kann. Deine Kinder sind das Wichtigste in deinem Leben und so soll es auch sein. 

Ich muss neu beginnen, muss herausfinden, wie ich ohne dich überleben kann. Ich werde es meistern und du wirst weiterhin ein guter Vater und Ehemann sein, so wie es unsere Rollen von uns 

verlangen. 

Suche nicht nach mir.

Vielleicht kommt irgendwann einmal der Tag, an dem wir uns wiedersehen werden. 

Du wirst immer in meinem Herzen sein!

Liv

Wiederholt las er die Zeilen. Immer und immer wieder suchte er nach ihrem Aufenthaltsort, einem Hinweis danach. Doch nichts fand er.

Er musste sie gehenlassen. Sie verlangte es vom ihm.

Aber er würde immer in ihrem Herzen sein, hatte sie geschrieben, in ihrem Herzen.

+++

EPILOG

+++

Als sie aus dem Flugzeug stieg blies ihr der kühlte Wind ins Gesicht. Der Flughafen in Dublin war weit davon entfernt, so groß wie der JFK zu sein, es hatte ein Lächeln in ihrem Gesicht hervorgerufen, als die Durchsagen kamen und sie informierten, wohin sie gehen sollte – als könnte man sich in diesem kleinen Gebäude verirren.

Ein junger Polizist hatte sie bereits erwartet und ihr das Gepäck abgenommen, sie freundlich begrüßt und sie den ganzen Weg bis Cork, all die Stunden, unterhalten mit irischer Geschichte, zu der sie zahlreiche Fragen stellte.

Trotz des Schmerzes in der Brust, den sie trotz des Schmerzmittels verspürte, fühlte sie sich neugeboren, als hätte man einen Stein von ihr genommen.

Auf dem kleinen Polizeirevier wurde sie mit offenen Armen empfangen und den Arzt suchte sie am selben Nachmittag freiwillig auf. Ihre Wunde würde gute verheilen, teilte er ihr mit, doch sollte sie sich noch schonen, immerhin war sie nur knapp dem Tod entgangen. Des Weiteren erkundigte sie sich nach einem Psychologen, unter dem Vorwand diese Schießerei verarbeiten zu wollen, innerlich wissend, dass sie ihre anderen Probleme endlich mit jemandem teilen sollte, der ihr wirklich helfen konnte, dies hatte sie im Spital gelernt. Es gab Zeiten, in denen man sich eingestehen musste, dass man Hilfe benötigte.

Und so kam es, dass sie sich gut einlebte.  An das Wetter gewöhnte sich Olivia rasch, den Regen, der oftmals spontan kam, den wunderbaren blauen Himmel, den man in New York selten zu sehen bekam und tatsächlich begann sie mit dem Golfen.

Obwohl manch ein Kollege Interesse gezeigt hatte, hatte sie sie rasch wissen lassen, dass sie nie wieder den Fehler machen würde, sich auf eine Liebschaft mit einem Kollegen einzulassen. Keiner stellte Fragen, alle akzeptierten ihre Entscheidung.

Im Sommer war sie in ihr eigenes Haus gezogen, ein kleines Cottages etwas außerhalb von Cork, an einem kleinen Flüsschen gelegen. Es hatte sie einige Zeit gekostet, bis sie es mithilfe einiger Kollegen renoviert hatte. Von ihren Fenstern aus blickte sie auf die grünen Hügel der Umgebung, ab und an verirrte sich ein Schaf in ihren Vorgarten, einmal sogar eines mit ihren Lämmchen.

Im Pub lernte sie immer wieder neue Leute kennen, schloss Freundschaften und ging kurz vor Weihnachten tatsächlich eine neue Beziehung ein. Die Wunden der Vergangenheit schienen weitgehend verheilt zu sein und Liam war ruhiger Mensch, der in der High School unterrichtete. Ein paar Geschichten aus ihrer Vergangenheit hatte sie ihm erzählt, aber nicht alles. Er hatte eine kleine Tochter – Emma. Liams Frau hatte ihn und Emma verlassen, als diese ihren ersten Geburtstag feierte, dies war nun vier Jahre her. Olivia und Liam hatten es langsam angehen lassen, waren gemeinsam ausgegangen, in die Kirche – die Olivia seit geraumer Zeit besuchte – und irgendwann hatte sie Emma kennengelernt. Jeder lebte in seinem Haus, sie wollten nichts überrumpeln, hatten sie doch beide viele schlechte Erfahrungen gemacht.

Schlussendlich schien für Olivia alles ein gutes Ende gefunden zu haben. Hätte ihr vor zwei Jahren zu Weihnachten jemand gesagt, dass sie nach Irland gehen und ohne Elliot leben würde, hätte sie gelacht und dies verneint. Nun schien sich das Blatt gewendet zu haben. Nur die Narbe an ihrer Brust und die immer mehr verblassenden Narben an ihren Oberschenkel erinnerten sie noch ab und an an Elliot und New York zurück.

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THE END 

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Anmerkung: Ich habe lange überlegt, wie diese Geschichte ausgehen soll und dieses Ende schien mir dann das realistischte, auch wenn einige Leser meine Meinung nicht teilen werden. Elliot ist eigentlich nicht der Typ von Mann, der seine Familie „einfach so“ verlässt, sonst hätte er es bereits vor Jahren getan.

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
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