Der erste Tag eines neuen Lebens

Creative_Writing_Courses - BearbeitetNotiz: Die Vorgaben waren nicht viele – 1000 Wörter Minimum. Ein Traum, der den Hauptcharakter beschäftigt/ beeinflusst. Wörter, die vorkommen müssen: Vergangenheit und Veränderung ODER Angst und Kälte

Beitrag zu: 2. Runde des Wettbewerbs „Dein Charakter“ von Rose00 

http://forum.fanfiktion.de/t/24213/1 

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Der erste Tag eines neuen Lebens

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Vollkommen verschwitzt wachte Mo auf, ihr Haar klebte feucht an ihrer Stirn, ihre Atmung ging rascher als sonst. Nervös ließ sie ihre Hand über ihren Brustkorb wandern – sie war noch da, die Narbe. Immer noch war die Haut an der Stelle, an der die Kugel in ihren Brustkorb eingeschlagen hatte sensibel. Wenn sie beim Duschen daran ankam, schrak sie zurück, ein Schmerz durchfuhr sie jedes einzelne Mal. 

Immer und immer wieder träumte sie, seitdem sie wieder zuhause war, von dem Vorfall.

Den zwei Schüssen.

Den Schmerzen.

Der Angst.

Immer wieder war es der Moment, in dem die erste Kugel in ihre Magen einschlug, ihr die Luft zum Atmen nahm, sie dabei war, zu Boden zu stürzen. Jedes Mal sah sie sein Gesicht – die scharfen Züge. Eckige Wangenknochen, eine lange spitze Nase und funkelnde grüne Augen. Und dann der Knall, der zweite Schuss, der Lungenstreifschuss. Als sie am Boden lag, war er über ihr gestanden, hatte gelacht. Höhnisch gelacht.

Und als sie am kalten Asphalt gelegen hatte, waren ihre einzigen Gedanken rund um Lilly gekreist. In ihren Träumen flüsterte sie immer wieder ihren Namen. Immer und immer wieder. Lilly.

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Verschwitzt und vollkommen unausgeschlafen stand Maureen im Badezimmer vor dem großen Spiegel. Es war kurz nach fünf Uhr, sie hätte wahrscheinlich noch zwei Stunden im Bett bleiben können, allerdings war an Schlaf nicht zu denken. Jedes Mal wenn sie die Augen schloss, jedes einzelne Mal, sah sie sein Gesicht – eines, das mittlerweile einen Namen hatte. Bradley Rowan.

Es war ein Samstag, sie hatte keinen Dienst und auch keine Bereitschaft, sie hätte ausschlafen können, zumindest so lange, bis Lilly in ihr Bett gekrabbelt wäre, um sich an ihre Mutter zu kuscheln – ihr gemeinsames, kleines Wochenendritual. Doch seitdem sie aus der Rehabilitation nachhause gekommen war, war sie selten in der Lage gewesen, mehr als sechs Stunden zu schlafen – sofern man dies Schlaf nennen konnte. Ihrem Psychiater hatte Maureen darüber aber nichts erzählt. Ihr war von der ersten Sitzung an bewusst gewesen, dass er sie, aufgrund ihrer Alpträume, niemals dienstfähig erklären würde. Niemals. Auf keinen Fall. Jeder wusste, wie ein Polizist reagierte, wenn er nicht ausgeschlafen war – die mangelhafte Konzentrationsfähigkeit, die unruhige Hand am Abzug.

Maureen wusch sich das Gesicht, zog das Trägershirt über den Kopf, vorsichtig, um die empfindlichen Narben nicht zu sehr zu dehnen und stieg unter die Dusche. Lauwarmes Wasser peitschte auf ihren Rücken, lief ihre Hüften hinab. Sie drehte den Strahl weicher, als sie sich umdrehte, ihr Haar shampoonierte und es wieder auswusch.

Auch als sie hier die Augen schloss, wollte das Blau derer von Bradley Rowan nicht verschwinden. Es verfolgte sie. Anders konnte man all dies nicht mehr beschreiben. Jede Nacht, in jedem Traum, immer verfolgte sie dieses Erlebnis.

Eines war sich Maureen mittlerweile bewusst geworden, sie musste sich absichern, eigentlich nicht sich selbst sondern Lilly. Sie war immer noch ein Detective und jeden Tag bestand die Chance, dass all dies wieder passieren könnte. Zu sehr liebte sie ihren Job, um ihn aufzugeben, zu sehr war ihre Seele davon abhängig, Menschen zu helfen.

Ihre feuchten Haare in ein Handtuch gewickelt, setzte sie sich an den Küchentresen und starrte auf den Block, der vor ihr lag. Ein gelber Block, ein leeres Blatt.

Sie fragte sich mehrmals, wem sie Lilly anvertrauen können würde. Freunde hatte sie außer Johanna, der Tagesmutter, keine, immer hatte Maureen für den Job gelebt. Sie brauchte eine Absicherung. Die Polizistin wusste, dass es eine Lösung geben musste, damit es dem Mädchen nicht so erging, wie es ihr damals ergangen war – sie war in der Luft gehängt, nach dem Selbstmord ihrer Mutter. Natürlich hatte sie sich anfänglich gedacht, dass es eine Erlösung sein würde, doch die Wahrheit war, dass sie sich infolge nur noch um die Fallakten der von Caitlins Vergewaltigung gekümmert hatte. Mo hatte sie quasi auswendig gelernt. Aber sie war damals 17 gewesen und Lilly war jetzt gerade vier.

Als beinahe erwachsener Mensch, der seitdem er ein kleines Kind war, auf eigenen Beinen stehen musste, da die Mutter stets betrunken war, hatte sie andere Voraussetzungen mitgebracht. Lilly war unschuldig, wusste von all dem nichts.

Maureen nahm einen großen Schluck heißen Kaffee.

Einmal hatte Lilly sie gefragt, warum alle einen Vater hätten und sie nicht. Maureen war damals mit ihr auf der Couch gesessen und das kleine Mädchen hatte sie mit ihren großen braunen Augen dabei angesehen und auf eine passende Antwort gewartet. Diese Frage hatte sie damals allerdings vollkommen unvorbereitet getroffen, doch musste das Schweigen irgendwann gebrochen werden. An diesem Nachmittag hatte sie ihrer Tochter erzählt, dass ihr Vater beruflich im Ausland leben würde und sich daher nicht um sie kümmern könne. Sie hatte das Herz nicht, ihr die Wahrheit zu sagen.

So schrieb sie Chris Namen auf da Blatt – Christopher Barbary. Sie würde ihn anrufen, mit ihm sprechen, ihm ihr Anliegen darbringen. Sie würde ihn wissen lassen, dass sie überlegte, ihm seine Tochter zu vermachen, falls ihr etwas zustoßen würde.

Doch wer wäre die Alternative? Caitlin, Maureens Mutter, hatte zwei Schwestern, allerdings war sie diesen niemals begegnet, aus demselben Grund, wieso sie ihre ganze Familie niemals kennengelernt hatte – sie hatten Caitlin damals verstoßen, als das Mädchen mit 17 nach einer Vergewaltigung schwanger geworden war.

In den Akten ihrer Mutter hatte sie irgendwann einmal Fotos von den drei Mädchen gefunden, auf denen hinten sorgfältig die Namen mit Bleistift notiert worden waren. Caitlins Vergangenheit, die sie so gut versuchte hatte geheim zu halten, würde Maureen einholen – aber eine Lösung musste her. Niemals hatte sie vor diesem Vorfall auch nur daran gedacht, dass ihr etwas passieren könnte und nun verfolgten sie diese Träume. Innerlich hoffte sie inständig, dass sie, sobald sie ein Testament hatte aufsetzen lassen, in dem eine Sorgerechtsklausel untergebracht war, wieder in Ruhe schlafen könne.

Laoisa. Alannah. Caitlins Schwestern. Beide Namen setzte sie, nachdem sie das Foto aus der schwarzen Kartonbox aus dem Bücherregal geholt hatte, unter Christophers. Maureen würde versuchen, alle drei zu finden, mit allen dreien zu sprechen – auch wenn dies bedeuten sollte, der Gefühlskälte aller drei Personen  begegnen zu müssen.

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Nachdem sie das Wochenende mit ihrer kleinen Tochter verbracht hatte, packte sie den Zettel am Montagmorgen in ihre Handtasche und lieferte Lilly bei der Tagesmutter ab. Insgeheim hoffte sie, dass es keinen neuen Fall in den nächsten Tagen geben würde, damit sie nicht nur ihren Papierkram erledigen, sondern auch die drei Personen ihrer Liste ausfindig machen konnte.

Und ihr Wunsch wurde schließlich erfüllt, nachdem sie drei Stunden an einem Tatort waren, der sich schlussendlich sehr schnell als Selbstmord entpuppt hatte. Dankbar saß sie an ihrem Tisch und studierte ihr Team, überlegte, ob es nicht einfacher wäre, ihre Tochter einem der drei zu hinterlassen.

Bobo, der liebe aber durchsetzungsfähige Verhörprofi jagte Lilly durch seine Größe und tiefe Stimme Angst ein, zudem konnte sie sich nicht vorstellen, dass Bobo in der Lage wäre, auf ihren kleinen Wirbelwind aufzupassen. Sein Leben bestand aus Kampfsport. Sie wusste nichts über ihn, er war ihr ein Mysterium.

Tomi hingegen war ein anderes Kapitel. Es hatte eine Zeit gegeben, während dieser sie sich zu ihm hingezogen gefühlt hatte, erkannte aber rasch, dass er Frauen verbrauchte wie andere Menschen Kaugummi – eine halbe Stunde kauen und dann ausspucken. Tomi war ein Macho, fuhr eine Harley Davidson und legte viel Wert auf sein Äußeres. Wahrscheinlich wäre er ein guter Vater – aber nicht für ihre Tochter.

Und die Dritte in Mos Team war Jenna. Als sie an die junge Frau dachte, sah sie nur vier Monitore vor sich und ihr verrückt geflochtenes Haar, die bunten Hosen und erkannte, dass es unmöglich war, ihr Lilly anzuvertrauen, außer sie würde wollen, dass das Mädchen niemals an die frische Luft käme und sich alle sozialen Kontakte auf das World Wide Web beschränkten. Jenna war ein Geek, ein Genie auf ihrem Gebiet, aber auch sie war nicht die richtige Lösung. So musst sie wohl oder übel wirklich den Verbleib der drei Personen auf ihrer Liste herausfinden.

Durch die nicht vollkommen legale Nutzung der polizeieigenen Datenbank, fand sie heraus, dass Christopher mittlerweile in den Hamptons lebte und dort bei der Polizei seine letzten Berufsjahre verbrachte. Seine Frau hatte damals schon genügend Kapital besessen, einst war dies auch einer der Gründe gewesen, wieso es so wichtig für ihn gewesen war, dass nichts von der Affäre ans Tageslicht kam.

Ihre beiden Tanten zu finden, war weitaus komplizierter. Die Namen waren ungewöhnlich, was einen großen Vorteil darstellte. Maureen nutzte die Google-Suche, um nach den Schwestern ihrer Mutter zu suchen, bevor sie auf die interne Datenbank zurückgriff und die Namen schließlich eingab.

Laoisa, Caitlins ältere Schwester, lebte in Europa, war daher nicht geeignet und Maureen strich ihren Namen von der Liste. Immerhin wollte sie in der Lage sein, mit der Person, der sie ihr Kind anvertrauen würde, in Kontakt zu treten, sie kennenzulernen.

Oft hatte sich Mo schon gefragt, wieso Caitlin niemals den Kontakt zu ihren Schwestern gesucht hatte, immerhin waren sie Geschwister. Hätte sie selbst welche gehabt, sie wäre durch dick und dünn für sie gegangen, hätte alles für sie gemacht. Alles. Caitlin hatte nicht einmal ein Wort über sie verloren, bis nach ihrem Selbstmord hatte Maureen nicht einmal gewusst, dass diese existierten.

Die jüngere Schwester hingegen lebte in New York – Alannah. Die Polizistin notierte sich die Adresse und Telefonnummer, direkt unter Christophers und beschloss beide zu kontaktieren.

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Fünf alptraumdominierte Nächte später, beschloss Maureen, den Zettel aus ihrer Handtasche zu nehmen und wirklich anzurufen. Die Kontaktdaten herauszusuchen war einfach gewesen, den Mut zu fassen, diese zu kontaktieren – der hatte ihr in den letzten Tagen gefehlt.

Es war Samstagmorgen und Lilly hatte bei einer Freundin übernachtet, als Mo zu ihrem Telefon griff und Chris Nummer wählte. Wie erwartet kam sie nur auf die Mobilbox, hinterließ eine kurze Nachricht, in der sie darum bat, zurückgerufen zu werden, ohne ihn wissen zu lassen, was der Grund ihres Anrufs war. In den letzten drei Jahren hatten sie nie telefoniert, lediglich ein paar wenige Emails waren ausgetauscht, finanzielle Angelegenheiten geklärt worden.

Danach wählte sie zögerlich die Nummer ihrer Tante.

„Collins-Mastersons“, meldete sich eine weibliche Stimme.

„Spreche ich mit Alannah?“, fragte Maureen zögerlich.

„Ja“, antwortete die Gegenseite. „Mit wem spreche ich?“

„Maureen Collins“, erklärte sie rasch, bevor der Mut sie verlassen würde.

„Ich glaube nicht, dass wir uns kennen.“ Kurz herrschte eine unangenehme Stille. „Zudem kann ich mir nicht vorstellen, was Sie von mir wollen. Wir haben einander nichts zu sagen.“

„Ich …“, begann Maureen, doch bevor sie den Satz vollenden konnte, hatte die andere Seite bereits aufgelegt.

Verwundert und zugleich verwirrt starrte sie auf ihr Telefon, als sie es sich vor sich auf den Küchentresen legte. Das konnte sie nicht so einfach auf sich sitzen lassen.

Rasch zog sie sich an – enge ausgewaschene dunkelblaue Jeans, eine weiße taillierte Bluse und darunter ein weißes Top, das ihr die Möglichkeit bot, die obersten Knöpfe offen zu lassen. Sie wählte ein dunkelblaues Paar Converse, griff nach ihrer dunkelblauen Wachsjacke, kämmte noch einmal ihre langen braunen Haare, legte etwas Makeup auf, griff nach ihrem Handy, dem Blatt mit der Adresse, ihrem Portemonnaie und ihre Autoschlüssel und verließ, flotten Schrittes, die Wohnung.

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Sie hatte ihren Wagen einige Meter von dem Backsteinbau entfernt geparkt, das Polizeischild in die Windschutzscheibe gelegt und nun saß sie im Auto, wartend. Beruflich fiel sie stets mit der Türe ins Haus, trat Türen ein, wenn man ihr nach einmaligem Klingeln diese nicht öffnete. Aber jetzt war alles anders, sie war dabei, der Vergangenheit ihrer Mutter zu begegnen.

Maureen sammelte sich, stieg aus dem Wagen und ging flotten Schrittes die wenigen Meter bis zu dem exklusiven Bau am Central Park, klingelte. Anfänglich machte ihr niemand auf. Sie läutete abermals. Schließlich öffnete ihr ein Hausangestellter und führte sie, nachdem sie sich kurz vorgestellt hatte, in die Räumlichkeiten des Hauses. Sie fühlte Kälte, unglaubliche Kälte – weiß, wohin das Auge reichte. Moderne Eleganz, die keinerlei Wärme zuließ.

Sie wurde von James, dem Butler, in einen Salon geführt.

„Ich dachte, ich habe mich klar ausgedrückt“, erklärte eine Frau, als sie den Raum betrat. Ihr Haar hatte denselben Farbton wie Maureens. Sie erstarrte als sie die junge Frau erblickte, griff mit einer Hand auf die Lehne eines nahestehenden Stuhls.

„Ich wollte Sie sprechen“, erklärte die Polizistin formal, als wäre es ein dienstlicher Besuch.

„Du siehst ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich“, stammelte sie plötzlich vor sich hin, blieb aber an ihrem Ort stehen.

Wenige Worte wechselten sie. Anfänglich hatte Maureen das Gefühl gehabt, dass sie sich näherkommen würden, doch dies wurde rasch von einer großen Distanz, die Alannah aufrechterhielt, geprägt. Ihre Tante stellte kaum Fragen und Mo verriet den wahren Grund ihres Besuches nicht, sie brachte es einfach nicht über die Lippen. Die knapp 50jährige Frau stand ihr gegenüber, als wäre sie ein x-beliebiger Besuch, niemand besonderer, vielleicht ein Bote. Mehrmals waren ihre Augen über Maureen und ihr Outfit gewandert und als sie sich verabschiedeten, war dies kein familiärer Gruß, der Hoffnung gab, dass sie sich wiedersehen würden.

Als die junge Frau schließlich zuhause auf ihrem Sofa saß, die Kiste mit Fotos neben sich, begriff sie allmählich, wieso ihre Mutter keinerlei Kontakt zu ihrer Familie gesucht hatte. Man hatte sie verstoßen und Maureen hatte an diesem Tag das Gefühl bekommen, dass Alannah ihr die eigene Geburt und somit dem familiären Skandal vorhielt, obwohl mehr als 30 Jahre seitdem vergangen waren. Und so etwas sollte sich Familie nennen? Niemals würde sie solchen Menschen ihr eigen Fleisch und Blut anvertrauen, da wäre sie bei Fremden besser und vor allem herzlicher aufgehoben.

Deprimiert und etwas frustriert streifte sie ihre Schuhe ab, legte die Füße auf den Tisch und erkannte, dass es wahrscheinlich doch auf Christopher hinauflaufen würde.

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Am frühen Nachmittag rief Lilly sie an und fragte, ob sie eine weitere Nacht bei ihrer besten Freundin bleiben könne. Nach einem kurzen Gespräch mit Camillas Mutter, stimmte Maureen zu – es kam ihr nicht ungelegen, immerhin wollte sie an diesem Wochenende alles geklärt wissen.

Abermals rief sie Christopher an. Sie rechnete nicht damit, dass er sie zurückrufen würde, daher packte sie eine kleine Tasche, setzte sich in ihren Wagen und fuhr in die Hamptons, der Nobelgegend des New Yorker Umlands.

Drei Stunden später kam sie in Water Mill, einem illustren Örtchen an am Meer. Überall war es grün, die Zäune waren weiß, die Häuser frisch gestrichen. Maureen sah sich um, fühlte sich in ihrer Haut nicht unbedingt wohl und etwas Fehl am Platz, ihr Outfit unpassend.

Sie ging entlang der Hauptstraße in Richtung Polizei, die entsprechend ausgeschildert war. Im Gegensatz zu ihrer Unsicherheit gegenüber Alannah, wusste sie hier genau, dass sie mit negativen Emotionen konfrontiert werden würde. Chris und sie würden keine Freunde mehr werden.

Nach einigen Minuten Wartezeit, brachte ein junger Polizist in Ausbildung sie in Captain Barbarys Büro. An Chris Gesichtsausdruck erkannte Maureen rasch, dass der junge Mann sie nicht namentlich angekündigt hatte. Ohne ein Wort zu sagen, wurde die Türe hinter ihr geschlossen und sie standen zu zweit in dem nicht all zu großen Büro.

„Christopher“, sagte sie förmlich.

„Maur … Mo“, erwiderte er und seinem Gesicht war große Verwunderung abzulesen.

„Ich habe dir auf die Mobilbox gesprochen, aber …“

„Mo, ich dachte, wir haben ein Abkommen …“

„Kann ich mich setzen?“, fragte sie schließlich und deutete auf die freien Stühle.

„Natürlich. Entschuldigung.“

Vorsichtig begann sie zu erzählen, wieso sie überhaupt den Weg in die Hamptons auf sich genommen hatte, erklärte ihm, dass sie von ihm erwartete, dass er seine Tochter bei sich aufnähme, falls ihr etwas passieren würde.

„Wieso nach all den Jahren, Mo? Ich dachte, wir waren uns beide im Klaren, dass meine Frau niemals erfahren würde … ich meine, Annie würde sich scheiden lassen ….“

„Möchtest du denn etwa, dass sie ins Heim kommt?“

„Deine Familie …“

„Ich habe keinerlei Familie, Chris. Meine Mutter ist tot, seitdem ich 17 bin.“ Er nickte nur wissend. „Ich habe alle anderen Optionen abgewogen, du bist die einzige Person, der ich mein Kind anvertrauen kann.“

„Dein Kind …“

„Chris“, begann sie, holte tief Luft und nahm ihr Handy aus der Jackentasche. Immer hatte sie Bilder von der Kleinen parat, falls jemand nach ihr fragte und so ging sie um den Tisch herum und zeigte ihm die ersten Fotos seiner Tochter seit deren Geburt. In einem Email hatte er sie einst wissen lassen, dass er kein Interesse habe, er würde bezahlen, aber damit sei seine Aufgabe als Samenspender für ihn erledigt.  Anfänglich zögerte der Polizist deutlich, doch dann konnte er sichtlich die Augen nicht mehr von seiner Tochter nehmen.

„Sie ist wunderschön.“

„Ja und ein kleiner Wirbelwind. Sie weiß genau, wie sie das erreicht, was sie haben möchte.“

„Wie ihre Mutter“, murmelte er leise.

Es dauerte nicht lange und er stimmte der Übereinkunft zu, allerdings musste Maureen versprechen, dass sie ihr Leben nicht leichtherzig aufs Spiel setzten würde, nur weil sie ihre Tochter nun abgesichert wusste.

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„Mama, Mama“, schrie Lilly und lief mit hoch erhobenen, offenen Armen auf Mo zu, fiel der vor ihr hockenden Frau um den Hals und ließ nicht mehr los. „Endlich“, erklärte sie mit fester, kindlicher Stimme. „Endlich hab‘ ich dich wieder.“ Dann platzierte sie einen feuchten Kuss auf die Wange ihrer Mutter. „Ich hab dich vermisst.“

„Ich dich auch, mein Liebes. Ich dich auch.“

Trotz des Schmerzes in der Brust und dem Ziehen im Leberbereich, hob sie ihren kleinen Engel in die Höhe, hielt ihn ganz fest an sich gepresst, während sie sich von allen verabschiedeten und dann nachhause fuhren. Maureen wollte von ihrer Tochter nicht mehr ablassen, alles erschien nun leichter und einfacher, als wäre ihr ein Stein vom Herzen gefallen.

Vielleicht bedeutete die Begegnung mit Chris eine Veränderung für sie alle, vielleicht würde er im Laufe der Zeit Interesse an seiner Tochter finden, doch im Grunde war nur eines wichtig für Maureen, zu wissen, dass sich jemand, wenn etwas passieren sollte, gut um Lilly kümmern würde.

Die folgende Nacht war die erste, die sie seit Wochen durchschlief, das kleine Mädchen mit seinen rotbraunen Locken an die mütterliche Brust gekuschelt. Es war die erste Nacht, in der sie der Schuss und die darauffolgenden Schmerzen nicht mehr heimsuchten.

Der erste Tag eines neuen Lebens.

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The End

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A/N: Gefragt waren mindestens 1000, geworden sind es knapp 3000. Der Traum, die Situation stand schon lange fest, das rundherum hat allerdings bis zum letzten Moment auf sich warten lassen.

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
Aside | This entry was posted in Freie Arbeit, Wettbewerbsbeitrag and tagged . Bookmark the permalink.

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