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Creative_Writing_Courses - BearbeitetVorgaben:
Bei den Hauptcharakteren deines Beitrages muss es sich um einen Jungen und seinen Hund handeln.Die Handlung soll sich damit befassen, dass der Hund des Jungen weggeben werden soll (den Grund dafür darfst du selbst wählen, wobei der Grund auch nicht das zentrale Thema sein soll). Daraufhin nimmt der Junge samt Hund Reißaus – und erlebt mit seinem vierbeinigen Freund ein kleines Abenteuer. Ganze fünf Tage soll er von zu Hause fort sein, bis ihn der Freund und Helfer schließlich aufgabelt. Wie es letztendlich ausgeht (ob der Hund bei ihm bleibt oder nicht), entscheidest ebenfalls du.Als Stilmittel verwendest du in deinem Beitrag bitte die Tautologie.Das Genre für deine Geschichte ist Abenteuer.Die Botschaft deiner Geschichte soll sein, wie tief und innig eine Freundschaft zwischen Mensch und Tier sein kann.Der Satz ‘Es waren die kleinen Dinge, die viel ausmachten.’ muss in deinem Beitrag untergebracht werden.Als Extra musst du noch folgende Bedingung erfüllen: Der Name des Jungen muss mit einem “E” beginnen, der Name des Hundes mit einem “S”. Der Junge muss während seiner kleinen Reise außerdem einen Alptraum haben, dessen Inhalt der Leser erfahren muss.

Anmerkungen:
Ich bin aus Österreich, ergo manchmal kommt es zu einem etwas „anderen“ Wortgebrauch. Abenteuergeschichten sind nicht das Genre, das für mich geeignet ist. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es wirklich getroffen habe. Abgesehen davon bin ich erst am Montag aus den Staaten zurückgekommen und ganz klar denken kann ich noch nicht. Aus genau diesen Gründen versuche ich einmal etwas Anderes und setze die Geschichte in die Regency-Zeit, obwohl die Highlands… naja, wie auch immer … Ob es das zentrale Thema ist oder nicht, weiß ich nicht mehr … der Jetlag behindert mich beim Denken.
Länge: 4174 Wörter

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Inverness-shire, in der Nähe der Hauptstadt Inverness

September 1812

Es war ein regnerischer Morgen und er war wütend, mehr als nur wütend. Wie hatte sein Vater nur diese Frau heiraten können? Eines Abends war Erics Vater zu ihm gekommen und hatte ihm gesagt, dass er in drei Wochen eine neue Mutter haben würde. Doch wer hatte ihn gefragt, ob er das überhaupt wolle? Wer hatte auch nur einen Deut auf seine Meinung gegeben?

Erics Mutter, die Duchess of Pembrock, von ihren Freunden Anne genannt, war vor zwei Jahren verstorben. Der Junge war damals gerade sieben gewesen, hatte die Welt nicht mehr verstanden. Hatte man ihm zuvor lange erklärt, dass er bald einen Bruder oder eine Schwester bekommen würde, stand er dann ohne diese und ohne seine Mutter da. Das Einzige, das ihm von ihr geblieben war, war ihr Hund – Seymour. Ein nobler, verspielter Setter, der eigentlich als Jagdhund hätte ausgebildet werden sollen, doch war er der Jüngste und Kleinste im Wurf gewesen und seiner Mutter ans Herz gewachsen. So hatte sie sich um ihn angenommen, ihn aufgezogen und Eric in diese Erziehung stets miteingebunden.

„Seymour“, rief der Junge und schon kam der Hund angetrottet, sprang auf das Bett und schleckte dem Jungen das Gesicht ab. Begrüßte ihn herzlich, so wie er es jeden einzelnen Morgen tat.

Am gestrigen Abend hatte ihm sein Vater, der Duke of Pembrock, Lord Ainsley, mitgeteilt, dass er den Hund nicht länger im Haus behalten könne, da seine neue Frau – ein Biest in Erics Augen – keine Tiere im Haus dulden würde. Eric mochte Mary nicht. Im Gegensatz zu seinem Vater wäre sie ein Kind, das hatte er die Angestellten auch mehrmals sagen hören – ein Kind! Dabei wurde nicht einmal mehr er als solch eines angesehen, war er doch mittlerweile fast 10 Jahre alt. Fast erwachsen.

Als er sie das erste Mal gesehen hatte, hatte er sich gedacht, dass sie eigentlich eine schöne Frau ist. Ihr Haar war schwarz, wie aus Ebenholz, und ihre Haut wies Sommersprosse auf. Viele sogar. Ihre Augen hatten das Grau der Nebel, die oft über den Highlands hingen und seinen Großvater die gruseligen Geschichten erzählen ließ. Immer wenn der Nebel besonders dicht war, erinnerte sich der alte Mann an die Mären seiner Vorfahren – von Gnomen und kleinen Zwergen, Feen und Hexen. Jedes Mal hing ihm Eric an den Lippen, konnte gar nicht genug von diesen bekommen. Von Anfang an war ihm Mary, man nannte sie hier aber nur Duchess oder Madame, mysteriös vorgekommen. Sie sprach wenig, musterte jedermann von oben bis unten und hatte sich beim Personal bisher keine Freunde gemacht – eher das Gegenteil war der Fall gewesen. Als Eric im Stall war, um nach seiner Stute zu sehen, hatte er mitangehört, wie man über sie schimpfte – sie würde mit ihrem persönlichen Dienstmädchen nicht gut umgehen, die Räumlichkeiten seien ihr zu düster und dann würde sie auch noch darauf bestehen, dass man die Speisefolge ändere. Seine Mutter hatte diese einst zusammengestellt und seither aßen sie danach. Wie konnte man diese einfach so ändern? Was nahm sich diese Person heraus und was fand sein Vater denn an ihr? Was war so speziell, dass er sie gleich heiraten musste?

Nun waren sie nach der Hochzeit direkt in die Highlands zurückgekehrt und hatten auf die Flitterwochen verzichtet. Wovon die gesamte Zeit gesprochen wurde – Flitterwochen etc., davon hatte Eric keinen Plan und es kümmerte ihn nicht. Ihm ging es lediglich darum, viel Zeit mit Seymour zu verbringen und ihm neue Kunststücke beizubringen; zu reiten und Zeit mit seinem Vater wie auch Großvater zu verbringen. Alle anderen Nebensächlichkeiten, wie der Unterricht, dem er täglich folgen sollte, interessierten ihn nicht. Außer vielleicht noch Catryn – sie war eine Ausnahme. Eigentlich machte er sich nichts aus Mädchen, doch Catryn war anders. Sie war ein Wirbelwind, kam auf dümmere Ideen als er selbst und im Handumdrehen verleitete sie ihn immer wieder dazu, diverse Sachen zu machen, die er ohne ihre Überredungskunst niemals getan hätte. So war er auf einen Baum geklettert, der mehr als fünf Meter hoch war und natürlich beim Hinabklettern abgestürzt, hatte sich den Arm gebrochen – doch Träne hatte er keine vergossen Das würde er niemals machen, niemals. Und vor allem nicht vor einem Mädchen!

Wenn sie mit ihrem Hengst angeritten kam, ihre dunkelrote Zöpfe im Wind flogen, vergaß Eric gerne, dass sie ein Mädchen war. Sie verhielt sich auf alle Fälle nicht wie eines. Catryn war die Tochter des angrenzenden Lords, Fitzpatrick McGregor. Er entstammte einem alten Clan-Geschlecht und die gesamte Familie schien sich wenig um die Formalitäten zu kümmern, die der Erziehung von Mädchen in England zu Teil wurden. Sie durfte all das, was andere Mädchen nicht durften – zumindest behauptete das immer sein Vater.

Einmal hatte Eric ein Gespräch zwischen ihm und seiner Mutter belauscht, in dem es um Erics Freundschaft zu Catryn ging und seine Mutter hatte eine Gefahr gewittert, falls dieses Bündnis in Zukunft auch bestehen würde. Der Duke hatte damals nur gelacht und gemeint, dass sie die Kinder doch Kinder sein lassen solle; irgendwann würde es sich so und so aufhören.

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Nachdem Eric aufgestanden war und sich gewaschen hatte, kleidete er sich für seinen Ausritt an und ging zum Frühstück. Kindermädchen hatte er momentan keines, das letzte hatte freiwillig das Weite gesucht, nachdem er ihr ein paar Streiche zu viel gespielt hatte. Catryn und er hatten sich immer wieder nächtens gemeinsam ins Haus geschlichen und diverse Bosheiten an der alten Miss Brigitte verübt. Kleinigkeiten. Frösche im Schlafzimmer ausgesetzt. Einmal waren es klein Ferkel gewesen, das sie unter ihrem Bett platziert hatten. Ein anderes Mal hatten sie in groben Stichen die Beine ihrer Unterhosen zusammengenäht, Mäuse im Zimmer frei gelassen oder auch nur Farbe in den Waschkrug gegeben. Niemals hatte man sie erwischt und manchmal hatte sich Eric gefragt, wie es wohl möglich war, dass niemandem auffiel, dass Catryn nicht in ihrem Bett lag, sondern 20 Minuten im Trab von zuhause entfernt war.

Als er den Frühstücksraum betrat, saß Mary schon in einem hellblauen Kleid auf dem Stuhl, auf dem einst seine Mutter gesessen hatte, an der Seite seines Vaters. Ein abrupter Schmerz durchfuhr Erics Brust. Wie konnte sie nur? Gut, dass Seymour an seiner Seite war. Und wie bissig und böse sie den Hund ansah, obwohl sie ihn weder kannte noch ihn jemals gestreichelt hatte. Er verstand die Welt nicht mehr. Seymour wich ihm nie von der Seite. Niemals. Nachts schlief er vor seinem Bett, wenn er badete schaute seine Schnauze immer über den Wannenrand und am liebsten war er dabei, wenn Eric ausritt.

„Du weißt worüber wir gestern gesprochen haben?“, sagte der Duke ernst.

Eric nickte nur brav. Natürlich wusste er, um was es seinem Vater ging: Seymour. Ihn aus dem Haus zu geben bedeutete dem Jungen genauso viel wie ihn wegzugeben. Immerhin war er sein einziger Freund, neben Catryn natürlich.

An diesem Morgen trank Eric lediglich ein paar Schlucke Tee und nahm keinen Bissen zu sich. Er würde Seymour nicht so einfach hergeben, immerhin war er der Hund seiner Mutter. Das Letzte was ihm von ihr geblieben war, denn so gut wie alle anderen Erinnerungsstücke waren in den letzten Wochen aus dem Haus entfernt worden. Ellis, die Köchin, hatte sich eines der kleinen Portraits geben lassen und Eric versprochen, es gut für ihn aufzuheben. Natürlich würde Mary keine Bilder der anderen Frau im Haus haben wollen, selbstverständlich hatte man alles auf Wunsch Duke Pembrocks entfernt. Eric verstand das Problem nicht. Er verstand nicht, wieso eine andere Frau plötzlich seine Mutter sein sollte. Er hatte doch eine, auch wenn sie im Himmel war. Er besuchte sie jeden Sonntag am Friedhof, der bei einer kleinen Kapelle im Norden des Grundstücks lag.

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„Du kannst nicht zulassen, dass man dir Seymour wegnimmt“, stimmte Catryn ihm zu. An diesem Tag war sie ebenso burschikos gekleidet wie immer: Hosen, Hemd und ein weiter Wollumhang.

„Das werde ich nicht. Niemals.“ Mit diesen Worten strich er dem Setter über den Kopf, der sich im Gegenzug noch näher an ihn drückte, seine Wärme wohlwollend in sich aufsog. „Niemals werde ich ihn hergeben. Niemals. Wenn er nicht im Haus sein kann, dann kann ich das auch nicht.“

„Wie meinst du das?“, fragte sie nach und in ihren Augen erkannte Eric sofort, dass sie auf seiner Seite war. Ihn verstand. Es war eine rhetorische Frage, beide kannten die ausständige Antwort – es gab nur eine Lösung. Er würde weglaufen. Er würde irgendwo Unterschlupf finden. Mit Seymour.

„Sagst du mir wohin du gehen wirst? Ich kann dir helfen …“

„Nein. Papa würde dich als Erste fragen.“

Nickend stimmte sie ihm zu. Jeder kannte das innige Band, das die beiden verband und tatsächlich würde der Duke ist sofort aufsuchen, sie versuchen zu überreden, ihm alles zu verraten.

„Du musst auf dich Acht geben.“

„Ich weiß, Catryn.“

„Wirklich, Eric. Du weißt ja, was dein Großvater immer erzählt … von den Gnomen, Zwergen, den Feen und Hexen …“

„Ich werde aufpassen. Immer werde ich fragen, ob ich in eine Höhle eintreten darf. Keine Steine wenden. Ich werde alles mit großem Respekt behandeln, so wie Großvater es immer verlangt.“

„Genau.“

„Genau.“

„Und genügend Essen musst du mitbringen. Du wirst nicht viel finden zu dieser Jahreszeit.“

Heute Abend würde er sich in die Küche schleichen und Proviant besorgen und dann in Richtung Norden wandern. Sein Pferd nicht mitnehmen. Zu Fuß wäre er schneller bei dem Gelände. Abgesehen davon, wenn er sich mit Seymour irgendwo verstecken wollen würde, wäre sein Pferd nur im Weg.

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Nach dem Abendessen, das Eric ohne Genuss aber reichlich verschlang ging er wortlos zu Bett, Seymour an Seite, zum Missfallen seines Vaters.

In seinem Zimmer packte er die zwei Taschen, die er gerne mit sich trug – eine vorne eine hinten an seinem Körper. Er rollte eine wollene Decke fest zusammen, stopfte einen warmen Pullover hinein, ein zweites paar Schuhe, Socken und andere Kleinigkeiten, die für ihn von Bedeutung waren. In die zweite Tasche füllte er Proviant aus der Küche – Brot, Schinken, Speck.

Und noch bevor es wieder hell wurde, machte er sich auf den Weg. Nicht, dass Eric jemand im Norden kannte, aber er kannte sich gut mit Pferden aus, da sein Vater welche züchtete und hoffte, dass ihn ein Clan-Führer aufnehmen würde, um sein Wissen für sich zu verwenden. Seinem Vater war er scheinbar nicht mehr wichtig genug, wenn er Seymour aus dem Haus haben wollte und alles nur, um seiner neuen Frau zu gefallen. Eric war wütend. Entrüstet. Aber auch verwirrt. Zuvor hatte sein Vater alles für ihn gemacht, war immer für ihn als Ansprechperson vorhanden gewesen und plötzlich, plötzlich war alles anders. Er verstand die Welt nicht mehr. Wahrscheinlich war es wirklich das Beste, weit, weit weg von hier zu sein – irgendwo im Hochland der Highlands.

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Da Eric Seymour an seiner Seite wusste, kam es ihm nicht wie eine Ewigkeit vor, die sie gingen. Immer wieder kreuzte ein Bach ihren Weg, aus dem sie beide gierig tranken. Erst als die Sonne wieder am Untergehen war, merkte der Junge, wie viel Zeit vergangen war.

„Wir müssen uns einen Unterschlupf für heute Nacht suchen“, erklärte er dem Hund, der ihm bisher nicht von der Seite gewichen war. „Vielleicht eine Höhle oder eine Ruine. Laut Großvater sollte es ja genügend davon geben.“ Abermals schenkte er den alten Mären Glauben und versuchte sich an Steinformationen zu erinnern, die der alte Mann ihm so gerne beschrieb.

Die Landschaft war rund, immer wieder stach ein Felsen hervor, aber im Grunde waren die Highlands eine zwar raue aber zugleich weiche Landschaft. Gras wuchs überall und diverse Büsche boten Windschutz. Immer wieder ragten Felsen hervor – mache hatten Wegmarkierungen, andere wiesen Zeichnungen auf, manche existierten einfach. Stets war er von der Wildheit beeindruckt, wenn sie in diese Gegend geritten waren – damals, als seine Mutter noch am Leben gewesen war.

Es war bereits dunkel, als sie schließlich eine kleine Höhle fanden, gerade groß genug, um den beiden Wesen Schutz vor Wind und Wetter zu bieten.

„Liebe Feen, Gnome und Zwerge“, begann er ehrfürchtig. „Erlaubt mir euer Reich zu betreten und bietet mir Unterschlupf für diese Nacht. Das ist mein bester Freund Seymour. Er wird euch nichts tun.“ Er krabbelte in die Höhle, Seymour hinter ihm und rasch fanden sie eine Position, in der sie einander wärmen und schlafen konnten.

Was Eric während der Nacht nicht mitbekam, war, dass Seymour über ihn wachte. Zweimal hatten sich Tiere in die Höhle schleichen wollen, doch alleine durch sein leises Knurren waren sie wieder verschwunden. Wenn es ruhig wurde, legte er seine Schnauze auf die Schulter des Jungen und beobachtete den Eingang zu ihrem Versteck, ruhig und bedacht, wie es seine Aufgabe als Freund und Helfer war.

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„Es kann doch nicht sein“, schrie der Duke of Pembrock seine Angestellten an, „dass niemand gesehen hat, dass Eric weggelaufen ist! Niemand!“

Lord McGregor und seine Tochter warteten am anderen Ende der Halle, in der alle Bediensteten in Reih und Glied aufgestellt waren, die Häupter gesenkt. Mary befand sich abseits, beinahe im Schatten eines Türrahmens.

„Sie alle können mir nicht erklären, dass niemand etwas mitbekommen hat“, schrie er abermals. Wutentbrannt.

Plötzlich trat die Ellis die Köchin hervor, eine kleine rundliche Frau mit grauen hochgesteckten Haaren. „Wenn sie sich mehr um ihren Sohn als um ihre Liebschaften … eh ihre neue Frau bemühen würden, dann hätten sie mitbekommen, dass er unglücklich ist.“

„Was nehmen sie sich heraus …?“

„Ich sage nur die Wahrheit, Sir. Wie lange bin ich nun im Dienste ihrer Familie, vierzig Jahre? Und noch nie ist mir ein so trauriges Gesicht untergekommen, wie das ihres Sohnes. Das letzte Mal hat er sich nach dem Tod seiner Mutter so verhalten. Verständlicher Weise. Aber jetzt? Schämen sie sich!“ Mit diesen Worten, die ihr wahrlich nicht zustanden und das wusste sie, drehte sie sich um und ging in Richtung Küche, rechnete damit, dass man sie ihre Sachen packen lassen und entlassen würde. Doch der Duke sagte kein Wort.

„Catryn …“

„Nein, my Lord“, sagte das Mädchen selbstbewusst und funkelte ihn an.

„Was nein?“

„Ich kann ihnen nicht helfen und ich möchte ihnen nicht helfen. Sie sind selbst daran schuld, dass er weg ist.“

„Zügeln sie ihr Tochter, McGregor!“, forderte er den Clan-Führer an.

„Ich denke nicht daran“, konterte der bärtige Mann im Kilt. „Sie sagt nur die Wahrheit. Ich mag zwar nicht so reich und einflussreich sein wie sie, Duke Pembrock, aber ich kenne meine Kinder und würde niemals eine Frau heiraten, die ihnen nicht zusagt. Gott habe ihre Mutter selig, aber ihr Vorgehen war widerwärtig. Eines Mannes ihres Standes nicht würdig!“

McGregor gehörte zu den Männern, die sich aus Prinzip nichts sagen ließen, noch weniger von einem britischen Adeligen, der lediglich ein halbes Jahr in den Highlands residierte und wenn es kalt und ungemütlich wurde, sich passend zur Saison, in die Hauptstadt zurückzog – wo diese Leute, McGregors Ansicht nach, auch bleiben sollten. Die Freundschaft seiner Tochter mit dem Jungen des Hauses sah er als Ausnahme, besonders seit dem Kindbetttod seiner Mutter. Catryn war das siebente von zehn Kindern, die seine erste Frau auf die Welt gebracht hatte und sie erinnerte ihn immer an ihre Mutter. Diese war ebenso ein Wirbelwind gewesen als Kind und Jugendliche. Als sie am Fieber verstorben war, hatte McGregor erkannt, dass es nicht leicht werden würde, sie zu ersetzen, noch war es nie sein Ziel gewesen. Es gab Bewerberinnen im Clan und einige zog er auch in Betracht, doch würde er diese niemals ehelichen, ohne sich des Wohlwollens der Kinder sicher zu sein.

„Vielleicht sollten sie einen Suchtrupp zusammenstellen und beginnen nach ihm zu suchen?!“, schlug der Schotte vor und legte seine große Hand auf die zarte Schulter seiner Tochter. „Wir helfen gerne.“

Die gesamte Zeit hindurch hatte Catryn die neue Stiefmutter beobachtet. Wie alt sie genau war, wusste sie nicht, aber sie schätzte sie auf Anfang zwanzig. Viel zu jung für einen Mann. Aber sie erschien ihr nicht böse, vielleicht verwirrt, traurig, schüchtern. Es war das erste Mal, dass sie die Möglichkeit hatte, die Frau, von der Eric unentwegt sprach, zu studieren. In ihrer kindlichen Offenheit musst sie sich eingestehen, dass sie sich diese Person anders vorgestellt hatte, vollkommen anders.

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„Wir müssen weitergehen“, erklärte Eric Seymour und gab dem Hund ein Stück des Schinkens, den er in der Tasche aufbewahrte. Als er aufgewacht war, hatte sein Magen geknurrt und er hatte in der Tasche ein Stück Brot gefunden. Am Wegesrand entdeckte er von Zeit zu Zeit Beeren und er wusste, dass jeder Hund auch einmal Hunger haben würde, daher erklärte er Seymour, dass er ruhig jagen gehen könne. Eric selbst war noch nie bei der Jagd dabei gewesen, das sein Vater von dieser Brutalität und dem zur Schaustellen von Besitz nichts hielt.

So brachte Seymour am zweiten Tag seiner Reise am Nachmittag einen Hasen, den er erlegt hatte und verspeiste ihn vor den Augen des Jungen. Gierig. Würde man denken, dass sich Eric ekelte, irrte man sich, denn er sah den Hund lediglich verwundert an. Wenn er wollte, konnte er also jagen. Bisher war er immer davon ausgegangen, dass er nicht in der Lage war, seine Mutter hatte Seymour niemals mit den anderen Hunden auf die Jagd gehen lassen und doch war es wahrscheinlich ein Trieb. Hunde hatten Triebe, das wusste Eric, ebenso wie alle anderen Tiere.

Doch es begann zu regnen und er suchte nach einem Unterschlupf, doch finden konnte er keinen. So legte er sich an diese Abend unter einen großen Busch. Selbst ein Feuer wollte bei dem Wetter nicht brennen. Allerdings bekam er kaum ein Auge zu, so peitschte der Regen auf die hinab. Seymours Pfoten lagen schützend über ihm, doch konnte auch er das viele Wasser nicht abhalten. Irgendwann schlief er dann ein und die Sonne des kommenden Tages trocknete ihn ein wenig, doch als sie weitermarschierten, merkte Eric, dass seine Hosen an seinen Beinen klebten. Seine Jacke war zwar beinahe trocken, doch das Hemd, das er darunter trug, war immer noch nass. Daher zog er es schließlich aus, befestigte es an einer der Taschen, in der Hoffnung, dass es trocknen würde. Dies unterschied laut des Pastors die Tiere von den Menschen.

Irgendwann hatte er einen Stock gefunden, den er nun mit sich führte und ein paar Pilze, bei denen er sich sogar sicher war, dass sie ungiftig waren. Auf einem der Berge stehend, stellte er fest, dass er bereits viele Kilometer hinter sich gebracht hatte, so viele und trotzdem hatte er bisher keine Menschenseele gesehen. Er genoss die Wolkenlosigkeit, die Sonne und das Grün der Wiesen. Er vergaß an diesem Tag sogar zu essen. Erst als er sich in der Dämmerung hinsetzte, um aus einem der Bäche zu trinken, stupste ihn Seymour an, danach die Tasche. Der Hund bekam Schinken, Eric wusch einige der gesammelten Pilze und knabberte an einem Stück Speck herum, ohne jedoch wirklich hungrig zu sein.

In der Ferne sah er eine alte Ruine. Mit großem Enthusiasmus kletterte er über feuchtes Moos und nasse Steine, rutschte mehrmals ab, bevor er in Sicherheit der alten Mauern zu wiegen glaubte. Plötzlich rutschte er von der Mauer, die er entlang gegangen war, fiel zu Boden. Seymour war sofort an seiner Seite. Erics Kopf schmerzte und sein linkes Handgelenk konnte er nicht bewegen, so stark waren die Schmerzen. Mit Seymours Hilfe schleppte sich der Junge in einen überdachten Gang.

In den folgenden Tagen wurden die Kopfschmerzen nur mäßig besser und trotz der verhältnismäßig warmen Temperaturen fror Eric, es beutelte ihn am gesamten Körper und seine rechte Hand konnte er nicht mehr im Geringsten bewegen. Kaum blickte er ins Licht, schon wurde ihm schlecht. So versteckte er sich in den Gemäuern der alten Ruine, hinter den dicken Wänden. Seine kleine hölzerne Trinkschale hatte Seymour in den Regen geschoben mit seiner Schnauze und dann wieder dem Jungen gebracht. Vielleicht war es sein Glück, dass es um diese Jahreszeit häufig zu heftigen Gewittern kam. Das Verhalten des Hundes ließ erkennen, dass sich das Tier Sorgen um seinen Besitzer machte, denn immer wieder legte er seine feuchte Nase an die Stirn des Knaben, versuchte ihn zu wärmen, aber auch vor anderen Tieren zu beschützen, die nachts und in der Dämmerung versuchten, in demselben Gang Unterschlupf zu finden.

Am fünften Tag der Reise war Eric bereits so fiebrig, dass er kaum etwas von seiner Umwelt mitbekam. Sein Arm war angeschwollen und bläulich-rot verfärbt. Unerwarteter Weise vernahm Seymour eine Stimme und zischte aus dem Versteck hervor, kletterte auf die Mauer, von der Eric gefallen war, und beobachtete den weißen Schimmel mit seiner Reiterin, die wallenden Röcke ihres Reitkostüms. Zweimal bellte er und die Reiterin blickte auf, abermals machte sich Seymour erkennbar und die Reiterin gab ihrem Pferd die Sporen und galoppierte den Hügel hinauf. Als der Hund jedoch erkannte, um wen es sich handelte, zog er sich verschreckt zurück, stellte sich neben Eric und bewachte ihn, als wäre er ein Löwe.

„Eric“, murmelte die Frau, ihr ebenholzfarbenes Haar in einen langen Zopf geflochten, sprang vom Pferd und lief zu dem Jungen hinüber. Seymour versperrte ihr aber den Weg. „Ich tu‘ dir doch nichts“, erklärte sie und strich dem Hund über den Kopf, doch dieser musterte sie immer noch skeptisch und stellte eine Barriere zwischen ihr und dem Jungen dar.

Doch der Junge war so weit in seiner Traumwelt. Er sah seine Mutter vor ihm stehen, ihr wallendes weißes Gewand. Hinter ihr war Licht. Viel Licht. Helles Licht. Immer wieder sagte sie zu ihm, dass er zu Mary gehen solle, er solle offen für Neues sein.

“Nein”, schrie Eric immer und immer wieder. “Ich kann das nicht, Mutter.”
“Du musst, es ist deine einzige Chance …”, flüsterte ihm die Frau in seinem Albtraum zu.
Schweiß tropfte von seiner Stirn. Der Hund stupste ihn mit seiner nassen Schnauze an, weckte ihn wieder auf.

„Seymour“, hörte man es leise aus Erics Mund und der Junge sah ihn an, abermals schob das Tier mit der Schnauze das Wassergefäß zu ihm, bis es vor seinen trockenen Lippen stand, dann schleckte er ihm mit der Zunge über die Nase, um ihn wissen zu lassen, dass es da sei. Er trank ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen. Danach legte sich der Hund zu dem Jungen, bewachte und wärmte ihn, presste seinen gesamten Körper an Eric.

Mary entdeckte den verfärbten Arm, die Schweißperlen auf seiner Stirn und wollte mit der Hand über diese fahren, doch da knurrte sie Seymour an. Eric legte einen Arm um den Kopf des Hundes, als wäre er eines der Stofftiere, die er als kleines Kind gehabt hatte und ließ nicht von ihm ab.

Vielleicht war es dieser Augenblick, der Mary erkennen ließ, wie wichtig die beiden einander waren; wie eng das Bündnis zwischen Eric und Seymour war. Es war keine normale Beziehung zwischen Tier und Jungen, es war ein Band, das weit über diese hinausging. Es erstrahlte vor Innigkeit, Treue und einer Art Selbstverständlichkeit, mit der die beiden aufeinander eingingen.

Es war nicht so, dass sie Hunde nicht leiden konnte. Sie hatte Angst vor ihnen. Obwohl Seymour sie zu dem Jungen geführt hatte, bewachte er ihn nun, wich nicht von seiner Seite. Einst als junges Mädchen war sie von einem Hund in den Oberschenkel gebissen worden, einem Jagdhund ihres Vaters, seitdem verabscheute sie diese Wesen. Allerdings musste sie sich eingestehen, dass dieser Hund anders war als alle anderen. Gutmütig, Edel. Ein wahrer Freund.

Vorsichtig strich sie Seymour über den Kopf und als er bemerkte, dass sie ihm nichts Böses wollte, ließ er von dem Jungen ab. Ihr erster Akt war es, die Taschen des Jungen auf ihr Pferd zu laden, wobei sie dem Hund zuvor noch den restlichen Schinken zu fressen gab, der ihn dankbar verspeiste.

Der weiße Schimmel kam vorsichtig zu Mary getrabt, kniete sich vor seiner Besitzerin beinahe hin und ermöglichte es so Mary –sehr undamenhaft – auf ihr Pferd zu steigen, Eric in ihren Armen. Zuvor hatte sie noch ihren Umhang um den kleinen vor Fieber beutelnden Körper gewickelt.

In den kommenden Stunden ritten sie in Richtung Inverness, der Stadt in dessen Nähe sich der Wohnsitz des Dukes befand. Mary wusste, dass ihr Gatte nicht glücklich darüber sein würde, dass sie ohne Begleitung in die ihr offenbar unbekannte Gegend geritten war, da sie der Gedanke, dass der Junge wegen ihrer Präsenz weggelaufen sei, nicht mehr losgelassen hatte. Natürlich konnte Duke Pembrock nicht wissen, dass sie sich in Sachen Orientierung immer gespielt hatte, sie erinnerte sich an jeden Stein, Felsen, Berg, Hügel, Fluss, Bach, Baum, Strauch, an dem sie jemals vorbeigeritten war und konnte ihn zuordnen.

So kam das Trio, vom Regen durchnässt, schließlich im Herrenhaus an. Sofort eilten Dienstboten herbei, begannen ein Bad für Eric einzulassen, nach dem Arzt wurde geschickt und dann stand Mary plötzlich alleine in der Eingangshalle. Alle waren weg, umsorgten Eric, bis auf Seymour und sie. Der Hund tropfte auf die Fließen der Halle. Ohne einen weiteren Gedanken an ihre Angst zu verschwenden, brachte sie den Setter in Erics Zimmer, griff nach einigen bereitliegenden Handtüchern und begann sein Feld trocken zu rubbeln. Zugleich verlangte sie von einem Zimmermädchen, dass es Futter und Wasser für den Hund bringe.

Noch bevor Erics Vater wieder in seinem Haus angekommen war, war Erics Bruch verbunden worden und der Junge schlief wieder in seinem eigenen Bett, Seymour an seiner Seite, der schützend eine Pfote auf den Brustkorb seines Besitzers gelegt hatte und ihn anstarrte, als könnte er ihn dadurch von seinem Fieber befreien.

Verwundert sah Lord Ainsley seine junge Frau an, die schlafend im Zimmer seines Sohnes saß. Er hatte Nachricht bekommen, dass sein Sohn gefunden worden wäre und war sofort umgekehrt, doch dieses Bild hatte er sich nicht erwartet. Es waren die kleinen Dinge, die viel ausmachten. Dass sie bei ihm im Raum geblieben war, bedeutete ihm mehr, als vieles Andere auf der Welt, zudem hatte sie zugelassen, dass Seymour über ihn wachte. In diesem Augenblick musste der Duke wieder an seine verstorbene Frau denken und rügte sich selbst in Gedanken, dass er es überhaupt so weit hatte kommen lassen, Eric überhaupt zu bitten, den Hund aus dem Hause zu schicken.

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The End

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
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