Abuse – Kapitel 10

caskett_by_slaveformusic-d5gxm3n - BearbeitetDie Fotos, die er auf der Speicherkarte fand, waren alles andere als beruhigend. Der Paparazzi schien sie schon seit einigen Tagen beobachtet zu haben. Es war schwer abzuschätzen, ob er bereits einige Verkauft oder irgendwo hochgeladen hatte, als er sie ihm abgenommen hatte, geschweige denn, dass er eventuell mehr als eine Kamera nutzte.

So oft er im Laufe des Tages auch beteuert hatte, dass sie hier in Sicherheit war, wusste er, dass es nicht der Fall war. In Wahrheit waren sie hier exponierter als in New York. Es war eventuell mehr Platz vorhanden, weil das Haus größer war, doch konnte man es leichter einsehen und sobald sie in den Ort fuhren, fielen sie auf. Jeder kannte Castle hier, grüßte ihn laut. In den Hamptons kannte jeder jeden.

Vielleicht war es Zeit, wieder in die Großstadt zurückzukehren? An der Zeit, sie dazu zu bringen, eine Therapie zu beginnen und Anzeige zu erstatten, obwohl er jetzt schon wusste, dass es ein langer Prozess wäre.

Adam war keine Person, die sich leicht fangen lassen würde, doch sollte ihm der Prozess gemacht werden, er sollte vor Gericht stehen und ein Urteil über sich ergehen lassen. Mittlerweile war Rick bewusst geworden, dass egal was er machte oder machen würde, seine Familie mit involviert wäre, immerhin hatte sie es sich über sich ergehen lassen, um diese zu schützen.

Gingen sie vor Gericht, wäre es unausweichlich, dass Kate alles noch einmal durchlebte und man Alexis, Martha und vor allem auch ihn befragte. Um sich selbst machte er sich allerdings keine Sorgen, um Martha ebenso wenig – es gab nichts, das Martha nicht aushielt. Seine Mutter war extrovertiert und selbstbewusst, hatte viel früher erkannt, wie es um Beckett stand und gehandelt. Im Gegensatz zu ihm, der viel zu lange einfach nur zugesehen hatte. Ja, er machte sich immer wieder Vorwürfe, dass es seine Mutter hat sein müssen, die sie aus der furchtbaren Situation befreit hatte und nicht er selbst. Es war doch seine Aufgabe, auf sie aufzupassen – immerhin war er ihr Partner!

Als er an diesem Abend vom Schlafzimmer noch einmal ein die Küche ging, schritt er an ihrem Zimmer vorbei, die Türe stand offen. Hatte sie sich anfänglich oftmals zurückgezogen und die Einsamkeit gewählt, war es heutzutage das Gegenteil. Sie vermied geschlossene Türen, auch wenn es nur ein Spalt war, der offen war.

Kate sah so friedlich aus. Ihr Haar war zu einem Zopf geflochten, ihre Lippen leicht geöffnet. Ein magisches Band zog ihn an die Seite ihres Bettes, ließ ihn sich hinsetzen und das Laken vorsichtig über ihre Schultern ziehen. Kurz glaubte Rick, sie geweckt zu haben, doch sie griff stattdessen nach ihm, und rutschte näher an seinen Körper. War es intuitiv? Vielleicht.

Seine Finger tanzten über ihre nackte Schulter. Ihre Haut war so weich. Danach strich er ihr über das Haar und platzierte einen Kuss auf ihrer Stirn. In Momenten wie diesen konnte er sich nicht vorstellen, wie es sein würde, würde sie wieder in ihr Apartment ziehen, sich wieder mehr aus seinem Leben entfernen. Über kurz oder lang würde es passieren. Er wollte es nicht. Wenn sie in seiner Nähe war, war sie sicher – zumindest redete er sich dies ein. Wenn er wusste, wo sie war, empfand er eine gewisse Genugtuung. Machte ihn das zu einem schlechten Menschen? Ließ ihn das zu jemandem wie Adam werden?

Ein neuer Gedanken, der ihn unaufhörlich beschäftigte.

+#+

„Möchtest du nicht mit ihr darüber sprechen?“, fragte Martha Rick als sie am kommenden Morgen alleine und sehr zeitig beim Frühstück saßen. Rick konsumierte lediglich Kaffee, seine dritte Tasse bereits und gestand sich ein, dass er mit ihr darüber sprechen musste.

„Ich sollte wahrscheinlich … aber …“

„Kein aber Richard, du kannst nicht immer und immer wieder Entscheidungen für sie treffen und sie danach in Kenntnis setzen.“

„Ich weiß, es macht mich nicht besser als …“

„Adam“, finalisierte Martha seinen Satz und musste ihm insgeheim zustimmen. Sie hatte zwar nie daran gedacht, aber im Grunde hatte er Recht. „Ich werde nach New York zurückkehren. Ihr könnt noch bleiben, aber ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist.“

„Meine Gedanken“, fügte er hinzu. Genau da war ihm auch durch den Kopf gegangen und nachdem er ihr die Fotos gezeigt hatte, die er auf der Speicherkarte gefunden hatte, schien sie sich noch sicherer zu sein.

Es waren Aufnahmen gewesen, die sie alle von ihnen zeigten. Alexis. Martha. Rick und Kate. Es waren keine kompromittierenden Situationen. Nein, einmal hatte er ihre Hand in der seinen. Ein anderes Mal schmiegte sich Kate an Martha, wie eine Mutter an eine Tochter – Rick erkannte das Wohnzimmer. Wann war diese Aufnahme gemacht worden?

Alexis hatte er vor ihrer Schule in New York fotografiert, etwas das sich kaum verhindern ließ. Leider. In Momenten wie diesen, hasste er es, dass er so bekannt war. Wäre er es nicht, hätte sich niemand für Beckett interessiert, niemand auch nur einen Augenblick damit verschwendet, Fotos von ihr zu machen.

„Vielleicht solltest du einen Privatdetektiv einschalten? Die Polizei will sie nicht involviert haben, aber wenn du Adam finden willst …“

„Daran habe ich auch bereits gedacht.“

„Vielleicht solltest du mit den passenden Leuten telefonieren, nachdem du mit Kate darüber gesprochen hast. Nachdem, Richard!“

Sein Nicken war eine stumme Zustimmung. Die Situation, sofern er sie weiter bevormunden würde, könnte jeden Moment eskalieren. Es war gefährlich. Irgendwann würde sie sich eingeengt fühlen, Angst bekommen und sich wieder zurückziehen. Jetzt, wo sie sich gerade dabei waren, etwas näher zu kommen.

Der Augenblick war unpassend. Unpassender konnte er ehrlich gesagt gar nicht sein. Beckett war immer noch labil, jede Kleinigkeit, die unerwartet passieren könnte, wäre in der Lage, sie aus der Bahn zu werfen. Manchmal wiegte er sich, eigentlich sie alle zu sehr in Sicherheit, obwohl er es nicht sollte. Genau dies hat ihn der Paparazzi gelehrt. Man konnte sich niemals sicher sein, nicht in einer Welt wie dieser, nicht wenn man bekannt war und es Menschen gab, die versuchten alle Informationen an die Medien zu verkaufen, die auch nur im geringsten Maße Geld bringen könnten.

+#+

„Dann werde ich wieder in mein Apartment ziehen“, erklärte Kate ohne ihn dabei anzusehen, auf seine Frage, sie sich vorstellen könne, wieder in die Stadt zu fahren.

„Ich würde mir wünschen, dass du bei uns bleibst, bis die Situation mit Adam geklärt ist, Kate.“ Alles, was er über Kommunikation gelernt hatte, versuchte er nun einzusetzen. Keine Du-Botschaften sondern lediglich Ich-Botschaften. Er versuchte sie auf der Ebne der Vernunft zu überzeugen, sich seiner Meinung anzuschließen, wissend, dass es eine Form der Manipulation war.

„Ich kann nicht ewig bei euch bleiben, wenn Adam beschließt, unterzutauchen.“

„Wir werden ihn finden Kate. Bitte überlege es dir, ob du nicht doch die Polizei einbinden möchtest. Wir können es über eine der SVU Einheiten machen, ich kenne jemanden, dem ich vertraue. Sie ist gut in ihrem Job. Sie stellt viele Fragen, sucht nach Antworten und weiß, wie man die Medien aus allem raushalten kann.“

„Eine Frau …“, sagte sie abfällig und wirkte leicht genervt.

„Nicht was du denkst …“

„Nein? Was denke ich denn?“

„Dass ich mit ihr etwas hatte und damit liegst du vollkommen falsch. Erstens ist sie nicht so eine Frau, zweitens hatte sie damals nur Augen für jemand anderen und drittens ist sie nicht mein Typ.“

„Aha …“ Immer noch hatte sie sich von ihm abgewendet und starrte auf das an diesem Tag stürmische Meer. Wahrscheinlich hatte er Recht, wahrscheinlich wollte er nur das Beste für sie, doch musste sie sich erst im Klaren werden, was all das für sie und ihre Zukunft zu bedeuten hatte. Sie fühlte sich auf der einen Seite zwar sicher in seiner Nähe, seinem Loft, auf der anderen Seite war es keine dauerhafte Lösung. Sie musste wieder auf eigenen Beinen stehen. Ihre Rippen waren beinahe vollkommen verheilt, ihre Arm bald wieder einsatzfähig. Die Schmerzen waren erträglich. Es gab einige wenige Bewegungen, die noch dazu führten, dass ihr schwarz vor Augen wurde, weil die Schmerzen ihren Körper dirigierten. Aber diese Augenblicke wurden weniger.

„Du solltest neu beginnen, dir ein neues Apartment suchen“, erklärte Martha, die bisher stumm in einem der Klubsessel gesessen hatte. „Ich helfe dir gerne dabei.“

Kate drehte sich um und schritt zu Martha, kniete sich vor sie hin, bis die Rothaarige ihr über den Kopf streichen konnte. Sie war wie ein Mutterersatz für sie geworden, obwohl Beckett genau wusste, dass ihre Mutter nicht zu ersetzen war. Es fühlte sich ebenso ab – geborgen, warm, also würde sie sich Sorgen um sie machen, die ihrem tiefsten Inneren entsprangen.

Wenn er Kate mit seiner Mutter in solch einer vertrauten Pose sah, hoffte er, dass egal welche Entscheidung sie traf, ihn weiterhin in ihr Leben inkludieren würde. Denn sofern sie sich dafür entscheiden würde, ihn wieder aus ihrem Leben auszuschließen, ihm nichts mehr zu erzählen, dann würde er einen Schlussstrich ziehen müssen. Zu gut hatte er sie kennen und lieben gelernt, zu wichtig war sie an seiner Seite in den letzten Wochen geworden, um einfach wieder einen Freund darstellen zu können – auch wenn sie all diese Entwicklung eventuell anders oder gar nicht wahrgenommen hatte. Es waren die Kleinigkeiten, die alles verändert hatten. Ein Blick. Dass sie einmal näher bei ihm gesessen hatte als sonst. Dass sie ihn gebeten hatte, sie zu verbinden. Dass sie vertrauen gefasst hatte und ihn an sich heran ließ. Nur war all das reine Freundschaft oder der Anfang von weitaus mehr? War sie denn bereit für mehr? Konnte sie überhaupt jemals wieder bereit für mehr sein?

In den Hamptons hatte er es immerhin geschafft, dass sie wieder etwas Gewicht zugenommen hatte, denn Martha sorgte dafür, dass regelmäßig gegessen wurde und schaffte es, Kate sogar in der Küche einzuspannen, obwohl sie mit ihrem gebrochenen Arm wahrlich gehandicapt war.

„Ein nettes Apartment, irgendwo in einem neuen Gebäude mit einem Portier und allen Sicherheitsmaßnahmen, die dazugehören.“

„Die Preise sind extrem …“

„Ich kenne einige Immobilienmakler, Kate.“

„Aber nicht Jefferson Monroe“, sagte Martha und sah ihn ernst an. „Ich glaube nicht, dass er dir noch dabei helfen möchte.“ Rick sah seine Mutter fragend an. „Vielleicht war das zweite Date nicht das Wahre?“, stellte sie in den Raum und hob die Schultern, mimte die Unschuldige.

Ricks Blick sagte so unglaublich viel, ohne dass er den Mund auch nur aufmachte. Fragend sah er seine Mutter an, stellte nonverbal die Frage in den Raum, ob dies denn wirklich notwendig gewesen wäre. Eine kurze Bekanntschaft mit einem der besten Immobilienmakler in New York.

„Abgesehen davon … Kate, du musst nicht ausziehen.“

„Ich lebe in deinem Schlafzimmer.“

„Wir haben ein Gästezimmer …“, erklärte Marta. „Du bist immer willkommen, so lange du möchtest, Katherine.“

„Danke Martha“, begann sie. „Aber vielleicht ist es Zeit … ich meine, Wochen sind vergangen und … und Adam hat … egal. Ich kann nicht für immer bleiben. Es wäre für keinen von uns gut.“

„Du bleibst, bist du eine neue Wohnung hast. Mit Sicherheitssystem. Portier. Ich werde heute noch ein paar Leute anrufen und sie suchen lassen …“

„Rick“, sagte Kate ermahnend, stand auf und schritt in seine Richtung. „Es ist mein Leben … Richard.“ Er schien ihr wenig bis keine Aufmerksamkeit zu schenken, denn er hielt bereits sein Mobiltelefon in der Hand und suchte in seinen Kontakten nach der passenden Nummer. „Castle!“, sagte sie abermals, nur lauter. Er blickte auf.

„Hm…?“

„Du weißt nicht einmal, was ich mir leisten kann. Du weißt nicht, was ich möchte.“

„Mindestens dritter Stock, hohe Räume, vorzugsweise unterm Dach. Lift. Wohnraum, Schlafzimmer, Büro, Badezimmer mit Wanne“, erklärte er. „Zwischen 80 und 100 Quadratmeter. Manhattan oder Brooklyn.“

Mit seiner Ansage hatte er keinesfalls Unrecht. Trotzdem nahm er abermals in die Hand. Noch bevor sie etwas Weiteres sagen konnte, war er schon mit einer Mrs. Seymore verbunden und gab ihr Anweisungen, verschwand telefonierend in sein Büro.

„Er meint es nur gut, Kiddo. Richard ist der Beschützer. Er will dein Bestes. Gib ihm die Chance, dich zu beschützen.“

„Ich weiß, Martha.“

„Er möchte, dass du in Sicherheit bist. Wenn du in deinem Apartment bleibst, kannst du davon ausgehen, dass er ein Sicherheitsteam bezahlt und die Wohnung rund um die Uhr überwachen lässt.“

„Das wird er wahrscheinlich so und so machen.“

Beide lachten und beide nicht, weil die Situation lustig war. Obwohl diese zwei Frauen unterschiedlicher nicht sein konnten, hatten sie doch erkannt, dass der Spaß und vor allem die Unbeschwertheit ein Ende haben würde, sobald sie die abermals im Auto in Richtung der Großstadt sitzen würden.

Vielleicht würde sie noch die eine oder andere Woche bei den Castles wohnen, mit gewisser Sicherheit würde sie sich während dieser Zeit an seine Gegenwart mehr und mehr gewöhnen, sich ohne ihn unwohl fühlen. Später würde es schwer werden, schwer sich wieder an das Alleinsein zu gewöhnen, niemanden um sich zu haben, wenn man nachhause kam. Beinahe ihr ganzes Leben, seit dem Tod ihrer Mutter, war sie alleine gewesen, hatte stets immer alle so sehr auf Abstand gehalten, um nicht wieder solch einen Verlust erleben zu müssen. Und dennoch hatte sie es bei Richard Castle nicht geschafft, schon von Anfang an war sie nicht in der Lage gewesen, ihn auf Abstand zu halten. Vom ersten Tag an, war er ihr unter die Haut gegangen, hatte ihr Leben beeinflusst, bestimmt. Und nun saß sie in seinem Wohnzimmer, neben seiner Mutter, trank seinen Kaffee und genoss die Wärme des Feuers im Kamin, das Rick entfacht hatte. Sie trug sogar eines seiner weiten T-Shirts, in denen sie so gerne schließ, weil es sein Geruch war, den sie Nacht für Nacht einatmete, der sie überhaupt erst Schlaf finden ließ.

Zwar hatte sie all dies über sich ergehen lassen, um Castle und seine Familie vor Unheil zu bewahren, doch hatte sie es in ihrer eigenen Person über sie gebracht. Denn wegen ihr waren sie nun auf der Hut, wegen ihr hatte Alexis einen Bodyguard. Wegen ihr waren sie überhaupt erst in die Hamptons gefahren, hatten beinahe alles in NY stehen und liegen gelassen.

Würde sie jemals wieder in der Lage sein, einem Mann so zu vertrauen, dass sie Liebe empfinden konnte? Dass seine intimen Berührungen keine Bilder von Adam in ihr abriefen?

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Ende Kapitel 10

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About starthebuck

Ich lese um zu träumen, träume um zu lesen. This blog about books is partly in English and partly in German mostly because I read in both languages and sometimes it makes more sense to review in the language you read even if grammer sucks!
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